Literarische Versuche

Gedichte, Kurzgeschichte u. ä. von unseren Lesern und Freunden.

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Der zweite Untergang

„Jean, woher kommen all diese Leute, die in unserem Haus wohnen? Ich kann sie nicht mehr ertragen. Sie sprechen so laut und durcheinander, dass ich Kopfschmerzen bekomme.“ Die Konsulin ging nervös durch das Landschaftzimmer hin und her, blieb dann vor dem Fenster stehen und blickte auf die Straße herunter auf den trostlos ausgeworfenen Sperrmüll, der  neben dem Eingang des Hauses auf  der anderen Straßenseite lag. Alte Schrankbretter, Regale, Stühle lagen aufgestapelt vor zwei befleckten Matratzen, deren Füllung durch Kindskopfgroßen Löchern herausquoll.  Dazwischen die seltsamsten Gegenstände, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf dem Speicher eines alten Patrizierhauses anhäufen, waren wie durch einen Fleischwolf der Zeit gedreht, alle durcheinander zu finden: Plastikblumenkübel aus den 70er Jahren, verrostete Gußeisenpfannen, alte Zeitungsständer, ein verschimmelter Koffer und verrostete Speichen zusammen mit anderen Teile von Fahrrädern, die zur Zeit des ersten Weltkrieges von der längst verschwundenen Firma Gieske  und Söhne in der Grubengasse   verkauft wurden.

„Beruhige dich, meine liebe Betsy. Wir können gegen ihnen nichts ausrichten“, sagte der Konsul mit einem resignierten Seufzer. „Thomas war heute wieder im Rathaus und hat  dem Verantwortlichen mehr  Trübsal und Angst eingejagt, als wir dem englischen Flugkapitän Philips am Palmsonntag im 1942, als  er unser Haus bombardieren wollte.  Christian hatte damals ganze 20 Minuten lang „That’s Maria, that’s Maria, that’s Maria“  in den Ohr gesungen,  und  Tony hatte lauter kleine Atlasschleifen an seine Uniform gebunden. Dem armen Kapitän zitterten die Knie, als er wieder  aus seinem Flugzeug ausstieg.   Aber heute wirkt  unser Spuk nicht mehr. Die Welt hat sich verändert, die Menschen sind stumpf geworden. Sie haben keine Empfindungen mehr, auf die wir Geister  einwirken können. Der Baudezernent im Rathaus hatte sich gegen den Spuk  mit diesem weißen Pulver geholfen, den sie sich durch die Nase ziehen, wie mein Vater mit dem Schnupftabak. Er wurde davon so insensibel, wie ein Betrunkener“.

Der Geist des Konsuls Jean Buddenbrook ließ resigniert die Schulter hängen. Auf der Fassade des Hauses in der Mengstraße 4 bröckelte die Aufschrift Dominus providebit, die der erste Besitzer, der  Kaufmann Rattenkamp  im Jahre 1683  angebracht hatte, und die den Generationen der Kaufmannsfamilie Buddenbrook und später der  Kaufmannsfamlie Hagenström  den Beistand von Oben verheißen hatte.  Man glaubte seit geraumer Zeit nicht mehr an einem Gott, der sich vorsorglich um einen kümmern mochte. Man glaubte höchstens nur noch an einen Gott, der einen verlassen und vergessen hatte.  Am  Eingang des Nachbarhauses glänzte ein neues Plastikschild mit der Aufschrift „DITIB“ und ein anderes, weißes Schild, auf dem  in großen, türkischen Buchstaben „Yavuz Sultan Selim Camii“ stand und darunter viel kleiner, auf Deutsch: „Sultan Selim Moschee“. Im Schaufenster lagen einige Bücher ausgestellt, ganz vorne mehrere Korane und Hitlers „Mein Kampf“. Daneben eine Abhandlung der Soziologin Sabine Schiffer und des  deutsch-islamischen Rechtsexperten  Mathias Rohe. Die Einbände hatten nichts Wissenschaftliches in ihrer Gestaltung, sie erinnerten eher an orientalischen Schachteln für Süßigkeiten, in grellen Farben, mit bunten Verzierungen, mit Gold- und Silberfiligranmustern. So wirkten die akademischen Titel der deutschnamigen Autoren auf diesen bunten Einbänden befremdend: Prof. Dr. Mathias Rohe, Dr. Sabine Schiffer, Dr. Dr. Adolf Hitler… Ein übereifriger türkischer Verleger hatte posthum dem Führer den akademischen Titel eigenmächtig verliehen, da er sich damit nicht abfinden konnte, daß er allein von allen großen deutschen Autoren in seinem Verlag ohne einen Titel auf dem Einband erscheinen sollte.

Es war Donnerstagabend, einer von jenen Kindertagen. Außer den in der Stadt ansässigen Familienmitgliedern hatte man auch ein paar gute Hausfreunde eingeladen, um mit ihnen das Not und Leid der neuen Zeit, die über die Stadt hereingebrochen war, zu besprechen.  Kaufleute zumeist und Juristen  und Makler waren unter den Gästen, aber auch der Hausarzt, der Pastor, der Poet Jean Jaque Hofstede. Und nicht zuletzt der Sohn der Kaufmannsfamilie Mann, der berühmtesten Sohn der Stadt. Er war Schriftsteller, hatte die ganze Welt bereist  und verstand   die Kunst, lange Schachtelsätze zu bauen, wie sie die neue Generation schlechterdings nicht mehr zustande brachte.

Es gab viel zu besprechen und zu beklagen, denn es hieß, man wolle das Haus abreißen, um die Moschee nebenan zu erweitern. Christian Buddenbrook  hatte die Nachricht am Montagabend gebracht, nach seinem Abend mit seinen Club-Freunden. Der Club existierte schon lange nicht mehr. Eine Versicherung und ein Architekturbüro teilten sich das Haus in zwei Mieteinheiten. Der alte Jurist Möllendorpf hatte die Ausschreibungspläne zum Minarett auf dem Schreibtisch  seines Urgroßneffen, des Architekten Hagenström entdeckt, während sie im Architekturbüro spukten und die Akten durcheinander brachten.

Das Minarett sollte achtunddreißig Meter über die Dächer Lübecks hinaus ragen und man sollte die Lautsprecher unbedingt einplanen, denn die Bauherren waren sicher, den Muezzinruf  von dort oben bald verrichten zu können.

„Wie konnte uns das geschehen, Jean?“ fragte die Konsulin, deren Haare auch jetzt nach über hundertfünfzig Jahren  unter ihrer Haube ihre hellblonde Farbe behalten hatte.

„Es ist Großpapas Versäumnis zu verdanken, Mama“, sagte Frau Permaneder, die mit flatternden Röcken durch das Fenster hinein flatterte. „Ich habe  die Bestimmungen des Baurechtsamtes genau studiert. Großpapa hatte damals, im Jahre 1835 versäumt, bei dem Kauf des Hauses den Vertrag richtig zu machen. Dieser Integrationsbeauftragte des Senats hat das schändlich ausgenutzt.“  Frau Permaneder  sagte zu dem Gemeinderat immer noch Senat, auch jetzt, nach über eineinhalb Jahrhunderten. „Dieser Urenkel der Julchen Hagenström hat das ganze gedrechselt, dieser Filou. Ich war eine dumme Gans früher, ein dummes Ding. Aber das Leben hat mir das Vertrauen zu den Menschen  genommen.  Die meisten sind Filous. Ja, das ist leider wahr. Grünlich, der Tränen-Tierschke, Permaneder, Hageström. Und jetzt diese Bürgermeister, die die Moscheen genehmigen! Alle Filous: Schramma und Ude und Wowereit.“

Frau Permaneder hatte ihrer Gewohnheit gemäß die Baubestimmungen und die Grundstücksrechte der Stadt studiert, sich alle Verträge der letzten hundertfünfzig Jahre in der Mengstraße und bei den angrenzenden Grundstücken angesehen, so dass sie jetzt genau Bescheid wusste. Die Moscheegemeinde hatte Anspruch auf einen Teil des Grundstücks erhoben, auf dem das Haus in der Mengstraße 4 erbaut war.  Die Familie Buddenbrook hoffte auf die Weltberühmtheit des Hauses und auf den Einfluss ihres Schutzpatrons, des Schriftstellers  Thomas Mann. Aber man konnte es nie genau wissen. Die Gemeinderäte Deutschlands bemühten sich so sehr, die Muslim Einwanderer nicht zu beleidigen und zu provozieren, dass sie bereits viel größere Kulturgüter dieser Beschwichtigungspolitik zum Opfer warfen, in Hamburg, in Köln oder in Berlin.

Die Töchter des Gotthold Buddenbrook, Henriette und Friederike saßen da mit ihrer steifen, hageren Figur und sagten nichts. Um die Mundwinkel der jüngeren, der molligen Pfiffi, lag ein schadenfrohes  Lächeln. Jetzt  werden  die vornehmen, hochnäsigen Verwandten aus der Mengstraße auch noch das letzte Stück verlieren, was sie ihnen den Damen Buddenbrook aus der Breitenstraße  voraus hatten. Morgen, wenn der Gemeinderat sich zusammensetzt um über das Minarettgesuch  zu entscheiden, wird es sich zeigen, ob es zukünftig noch ein Buddenbrookhaus geben wird, mit dem vornehmen Landschaftszimmer, und mit den hochnäsigen Geistern darin, die so tun, als ob sich in diesen hundertfünfzig Jahren sich nichts geändert hätte, als ob sie immer noch die erste Familie der Stadt wären.

Christian tänzelte etwa einen Meter über dem  Fußboden herein, mit aus der Hüfte heraus verdrehten Schritten, die sich in der leeren Luft verzweifelt  kraulten, weil ihnen der  feste Boden  zum Auftreten fehlte, um das Hinken  bis zum Ende vollzuführen.

„Ich bin nicht in Ordnung“, klagte er. „Es geht mir nicht gut. Ich kann es nun nicht mehr.  Meine Nerven sind an der linken Seite zu kurz geraten, versteht ihr? Auch die Ärzte in Hamburg haben es mir bestätigt, dass meine Nerven zu kurz sind.“

„Ja, das wissen wir. Du hast es uns schon mal erklärt“, sagte sein Bruder irritiert. „Du brauchst dich nicht ständig zu wiederholen.“

„Warum bist du so gereizt, Thomas? Ich habe dir nichts getan.“

„Du mußt immer den Hampelmann spielen, nicht wahr? Wir haben hier viel ernstere Sorgen, als uns um deine Nerven zu kümmern.“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Christian unbekümmert.

„Sie wollen uns das Haus wegnehmen, verstehst du, Christian?“  sagte verzweifelt Frau Permaneder, die auch noch als Geist an ihrem empfindlichen Magen litt. „Sie wollen unser Haus abreißen, um hier ein Minarett zu bauen, Christian. Was werden wir tun?“ rang sie die Hände, während sie im Zimmer auf und ab schritt.

„Was wir tun werden? Wir werden das islamische Glaubensbekenntnis aufsagen und wir werden selber zu Muslime“. Dabei bückte er sich nach allen Seiten, wie ein Schilfrohr und sang aus der Nase: „Allaaaahu Akbar! Allaaahu Akbar! La illa il Allah – „

„Assez, Christian!“ rief die Konsulin streng. „Das ist kein Grund um Witze zu machen.“

Frau Permaneder setzte sich auf die Sofa neben ihrem Bruder Thomas und drückte ihr Taschentuch an den Mund:

„Was wird aus uns, wo gehen wir dann hin?“

„Ach, ich weiß nicht, Tony.“

„Vielleicht kann uns der  Schriftsteller  retten, Thomas. Er ist sehr einflussreich,  er ist weltbekannt und wird auch in den kulturell bestimmenden Kreisen  hochgeschätzt.“

Der Gemeinderat tagte ununterbrochen seit Neunuhrdreißig. Der  Bürgermeister , die Gemeinderäte Overdieck, Möllendorpf , der Baudezernent Carl Smolt, alle waren im großen Ratssaal versammelt.  Der Vertreter des Antidiskriminirungs- und Integrationsministeriums aus Berlin, Herr Egon Weinschenk-Özdemir hat auf Bitte des Lübecker Moscheevereins sich persönlich auf die Reise begeben, um vor Ort über die Interessen und Rechte der muslimischen Neubürger zu wachen. Er befand sich in der richtigen Kampfstimmung, denn seine Karriere hing von dem Wohlwollen der deutschtürikischen Verbände ab. Hier wird ein Minarett gebaut und Punktum! Und nächstes Jahr wird bereits der Muezzin zum Gebet rufen, damit diese ungläubigen Hunde lernen, wer der Herr in diesem Land ist! Als Experte für Thomas Mann wurde Professor Doktor Kuschel aus Tübingen geladen.

Die Minarettgegner hatten seit Tagen und Wochen die Bürger angesprochen, die eigentlich gar nichts mehr von der deutschen Kultur hören wollten. Diese hartnäckigen Islamkritiker hatten  aus Spendengeldern den Anwalt Langhals bezahlt, der jetzt vor dem Gemeinderat den Wunsch der Bürger vortragen durfte.  Er hatte seine Rede sorgfältig vorbereitet, über die Freiheit und die Toleranz, über die Gefahren, die vom Islam ausgehen, über die Grundrechte der Bürger an ihrem Eigentum. Und er hatte nicht vergessen, das berühmte  Zitat des Schriftstellers in seine Rede einzuflechten: „Die Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt“.  Alles umsonst. Bereits nach dem dritten Satz wurde er vom Antidiskriminierungsdezernenten Weinschenk-Özdemir unterbrochen:

„Sie zitieren hier einen Rassisten zur Toleranz? Wußten Sie,  Herr… äh, wie war Ihr Name? Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht mitgekriegt, Herr Anwalt. Wußten Sie, dass Thomas Mann ein eingefleischter Rassist war?“

„Jetzt hören Sie mal, Herr Ministerialrat! Das geht wirklich zu weit. Wollen Sie die ganze deutsche und internationale Literaturkritik in Frage stellen?  Thomas Mann hatte 1929 für den Roman, der  zum großen Teil in diesem fraglichen Haus in der Mengstraße spielte, den Nobelpreis erhalten.“

„Das wäre nicht passiert, wenn ich damals was dazu zu sagen gehabt hätte! Lesen Sie bitte, was er im elften Kapitel des vierten Teils schreibt, dass Klara und Clothilde jeden Sonntagabend im Hause einer Freundin für kleine Negerkinder Strümpfe strickten. Negerkinder! Jawohl! Negerkinder schreibt er!“

„Zeigen Sie mal her, Herr Ministerialrat“, hüstelte Professor Kuschel bedächtig. „Wo steht es? Tatsächlich. Das ist mir gar nicht aufgefallen.

„Und im zweiten Kapitel des elften Teils schreibt er von diesem Grafen, dem Freund des Hanno, von diesem Kai von Mölln, mit dem er sich nachweislich selber identifizierte, dass dieser  reinrassigen  Züge hatte. Ein Rassist, sag ich! Ein deutscher Rassist!“

Der Bürgermeister raschelte  mit dem Papierstoß, den er vor sich auf den Tisch hin und her schob: „Wenn es so ist, brauchen wir gar nicht mehr  über ihn weiter zu diskutieren. Unsere Stadt braucht keine rassistische Vorbilder, meine Herren. Stimmen wir ab: Wer ist dafür, dass unsere neuen, verehrten  Stadtbürger, die für uns alle eine Bereicherung  darstellen, als Zeichen der Integrationsbereitschaft unserer Stadt,  die Zusage für das Minarett bekommen?  Ist jemand dagegen? Enthält sich jemand die Stimme? Nein? Also es wird einstimmig beschlossen, dass das Haus in der Mengstraße 4 abzureißen ist und  dass die Moscheegemeinde DITIB in der Mengstraße 6 ein achtunddreißig Meter hohes Minarett an der Stelle errichten darf. Die Sitzung ist beendet.“

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Das Schwein, das niedergestochen wurde und langsam verblutete

Thomas wollte das gar nicht, aber jetzt war es zu spät. Er ist nur deswegen stehen geblieben, weil das Mädchen geschrien hatte.  Sie hatte Angst und schrie nach ihm wie ein Tier dem das Messer an die Kehle gesetzt wurde, scharf und schneidend wie die Schweine, wenn man sie quält. Er hatte das einmal auf Youtube*  gesehen. Damals hatte er sich daran ergötzt, unbeteiligt ganze sieben Minute lang zugesehen, wie ein Schwein niedergestochen wurde und langsam verblutete. Als der Mann mit dem Messer zugestochen hatte, quiekte das Schwein fürchterlich, wie eine Kreissäge, die in einen Baumstamm hineinschneidet. Das Schwein schrie aus voller Kraft, verzweifelt und in Todesangst. Der Angstschrei war gar nicht die Äußerung des Tieres, als vielmehr die des Todes selber, der sich für kurze sieben Minute in den Leib des Tieres begab und von dort heraus seinen Urschrei herausschrie: Ein Jubelschrei der Gewalt und der Zerstörung!

So schrie das Mädchen auch, als es ihr klar wurde, dass sie den Kerlen nicht mehr entkommen konnte, aus ihrem Innersten heraus, mit der ganzen Kraft ihrer Angst. Die Kerle hatten nur nach ihr gegrabscht und zeigten ihr obszöne Gesten.  Immer häufiger, immer aufdringlicher. Und sie kicherten dabei wohllüstern, so wie es die Südländer eben tun, die keine Schuldgefühle empfinden, wenn sie ein Mädchen belästigen, das nicht zu ihnen gehört. Immer häufiger griffen sie nach ihr, bis sie sie dann gar nicht mehr loslassen wollten. Männerhände hielten sie fest, die Arme schlangen sich um ihren Körper wie die Fangarme eines Kraken.

Die Anderen gingen schnell vorbei und sie blickten fest entschlossen weg. Er wollte auch so fest und so schnell sein, wie die Anderen. Nur nichts wie weg. Er hatte nur einmal kurz gezögert. Sein Blick wurde von ihren Haaren gefangen. Sie waren  strahlend hell und hatten ihn immer schon magisch angezogen. Er hatte viele Nächte lang geträumt, seine Finger durch diesen hellen, goldenen Fäden zu ziehen, sie zu streicheln, sein Gesicht in ihnen zu verbergen und sich daran zu wärmen, wie man sich an den  ersten Strahlen der Sonne im Frühling wärmt. Seine ersten Männerträume, es ist schon über ein Jahr her, hatten ihren aufregenden Verlauf um diese  hellen Haare gewickelt. Tagsüber hätte er nie gewagt, das Mädchen auch nur in die Augen zu blicken. Aber in der Nacht meldeten sich in ihm die Gene seiner Vorfahren, die vor langen Jahrhunderten bereit gewesen waren, den hellhaarigen Mädchen zuliebe, die zu Hause auf sie warteten, der unsicheren See zu trotzen, fremde Küsten zu plündern und zu morden, nur um ihnen reiche Geschenke mitzubringen.

Diese Träume hielten ihn für einen kurzen Moment auf, brachten ihn zum zögern. Denn er wollte eigentlich weglaufen, so wie sein Großvater es ihm beigebracht hatte und wie er bisher immer weggelaufen ist. „Nur ja nicht sich einmischen“, war Opas Rezept. Niemand in diesem Land hat verdient, dass man sich für ihn einsetzt und seine Haut riskiert. Am besten ist man Hase, da lebt sich besser und sicherer. Opa war noch als ganz junger Kerl mit dem Hitlerjugend in den letzten Tagen eingezogen  und beinahe umgebracht worden. Zwei seiner Brüder sind  irgendwo in Russland gefallen.  Deswegen hasste er alle Kriege und alle Kämpfe. Man soll sich um die eigene Haut kümmern. Krieg führt nie zu was Gutem, egal, wofür man kämpft.  Nur der Frieden ist wert, dafür zu leben. Der Frieden und die Mitmenschen. Denn alle Menschen haben einen guten Kern, und alle kann man erreichen und gewinnen, wenn man selber friedlich ist.  Seine Eltern sagten das noch radikaler, in den seltenen Fällen, wenn sie sich die Mühe machten, mit ihm über ihre Lebensansichten zu sprechen.  Ihre Mutter nahm sich noch ein paar Mal die Zeit, ihm  etwas Ähnliches zu dozieren, wie ihren Zuhörern im Frauenseminar der interkulturellen Integrationsveranstaltungen der Kreisbeauftragten des Migrationsdezernentenkomitees im Rahmen der bundesweiten Aktion „Charta der Vielfalt als Chance“. Mit seinem Vater sprach er so gut wie nie, denn er war so gut wie nie zu Hause. Auch jetzt war er seit drei Wochen für eine Dokumentation irgendwo in Pakistan unterwegs.

Während er die rechte Hand vor seinem Gesicht hielt, nahm sich Thomas fest vor, nie nach Pakistan zu fahren und auch nie an solchen beschissenen Integrationsprojekten teilzunehmen, zu denen seine Mutter ihn immer wieder  drängte.

Den Schmerz an seinem Nasenjoch spürte er gar nicht mehr. Für eine kurze Zeit war der Schmerz unerträglich gewesen,  und Tränen schossen in seine Augen. Es war diese Art Schmerz, wie wenn man die Zehen irgendwo anstößt, oder die Finger einquetscht. Man möchte schreien, fluchen, den Schmerz herausschütteln, im Kreis rennen. Und nach ein, zwei unerträglichen Minuten schwindet es in einen dumpfen, pochenden Schmerz des Blutes, der langsam um die verletzte Stelle blaue Veilchen bildet.  Im seinen Kopf war alles dumpf und sinnlos geworden. Die Dinge, die früher mal so wichtig waren, verloren langsam ihre Bedeutung. Nichtssagende Kleinigkeiten breiteten sich aus wie ein Luftballon, beschäftigten immer mehr seinen Geist.  Er hielt eine Hand nur noch aus Instinkt um seinen Kopf, um ihn von dem Kicken der Stiefel zu schützen. Vor allem ein Stiefel  kickte immer wieder zu, mit einem roten „a“ darauf, Marke Alibaba.

Auch seine Seite brannte immer weniger. Nur das Blut blubberte unaufhaltsam zwischen den Fingern der linken Hand. Das Messer hatte nur zwei, dreimal zugestochen, wie eine übergroße Wespe. Zuerst hatte er gar nicht begriffen, was passiert war. Er hatte mit seiner linken Hand zugegriffen und fühlte das Loch in seinem T-Shirt. Mama wird zufrieden sein, denn sie hatte dieses T-Shirt immer gehasst.  Jetzt ist es hin, für immer.

Seine Finger fühlten sich feucht und klebrig an. Es muss viel, sehr viel Blut sein, dachte er. Ihm schien, dass er schon Minuten oder Stunden dort lag. Die Zeit wurde immer länger. Unmessbar und unendlich. Es waren sicher mehr als sieben Minuten vergangen. Aber er hatte nicht geschrien. Nicht wie ein Schwein. Wie lange wird es bei ihm dauern? Er wünschte zu hören, wie Mama und Papa es aufnehmen werden.  Er wünschte sich so sehr, dass sie nur ein einziges Mal um ihn weinten,  dass ihm selber kurz die Tränen kamen, stellvertretend für sie. Wenn sonst schon niemand um mich weinen wird, dann wenigstens mache ich das selber. Dieser  ironische Gedankenblitz konnte keinen Muskel mehr in seinem Gesicht bewegen. Er hatte nur irgendwo in seinem Gehirn seinen Sinn für Humor ein letztes Mal kurz angeregt und schwand dann leise ab.

Er hörte die Sirenen des Einsatzwagens sich nähern, aber seine Sinne schwanden in dem Maße, in dem diese näher kamen. Sie kamen näher und  wurden gleichzeitig immer leiser. Seltsam, dachte er. Sind es schon sieben Minuten? Ich wünschte, Mama würde…

Die Dunkelheit umhüllte ihn.

„Da ist nichts mehr zu machen“, sagte der Mann aus dem Einsatzwagen.

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Im Namen des Volkes

Ein Mensch, in der Verhandlung sitzend,
und eingeengt im Saale schwitzend,
lauscht aufmerksam bei dem Gericht
den Worten, die ein Richter spricht:
Im Grundsatz sei es zu bedauern,
dass hier ein Toter zu betrauern.
Doch wer die Sache recht betrachtet
und Gründe des Beklagten achtet,
wird stets, obwohl er totgeschlagen,
zuerst nach dessen Kindheit fragen
und auch das Umfeld nicht vergessen,
nur so kann man die Tat ermessen.
Der Mörder wollte ja nicht töten,
er hatte nur das Geld vonnöten,
das der Ermordete besessen,
drum sei hier Milde angemessen.
Das Opfer sei zu Recht krepiert,
sein Widerstand hat provoziert,
nur weil er sich zur Wehr gesetzt,
hat ihn der Mörder schwer verletzt.
Er selbst, wenn man es richtig wichtet,
hat sich im Grunde hingerichtet.
Geschädigt sei hier – sozusagen –
nicht der, den man brutal erschlagen.
Der Ärmste, der die Tat begangen,
war durch Erlebnisse befangen,
die in der frühen Kindheit liegen
und stets den Werdegang verbiegen.
Der letzte Grund, laut Analysen,
sei das Versagen seiner Drüsen.
Auch die Gesellschaft hat versagt,
und die - zuerst - sei angeklagt!
Drum sei es billig Recht zu nennen,
und klar auf Freispruch zu erkennen.

Helmut Zott

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Lebensspuren

Ein Mensch, gehörnt von seiner Frau,
haut ihr den Buckel grün und blau.
Im Alter blicken sie zurück,
gezeichnet durch das Eheglück:
sehr schön ist das Geweih des Gatten,
sie hat am Rücken Hornhautplatten.

Helmut Zott

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Durchblick

Ein Mensch – der Vater wird es sein –
ruft seinen Sohn zum Brüderlein,
das ihm der Storch in letzter Nacht
ganz heimlich in das Haus gebracht.
Der aber weiß, er wird belogen:
nach Süden ist der Storch beflogen!
und fragt den Vater klipp und klar,
ob sein Kondom gerissen war.

Helmut Zott

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Yussufs Werdegang

Ein Mensch, vom Schicksal auserkoren
und irgendwo ganz arm geboren,
kam hergereist aus fremden Landen
samt seinen Eltern und Verwandten.
Er lebte fromm und gottergeben,
bestrebt in seinem Erdenleben
nach Allahs Willen und Beschluss,
den man als Moslem achten muss,
sich zu verhalten und zu handeln,
um auf dem rechten Pfad zu wandeln.
Der Predigt lauschte er bedächtig,
die wortgewandt und geistesmächtig
der Imam sprach in der Gemeinde,
wenn sie sich zum Gebet vereinte.
In der Moschee, wo man erklärt
was Allah will, wo man erfährt,
dass töten und getötet werden,
Allah gebietet hier auf Erden,
bat er den Imam noch um Rat,
und schritt hernach zur letzten Tat.
Es kam die Nachricht über Nacht:
„Der Yussuf hat sich umgebracht,
für den Islam ist er gestorben
und hat Unsterblichkeit erworben“.
Als seine Bombe detonierte,
schrie er - „Allah!“ - und krepierte.

Helmut Zott

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Yussufs Heldentat

Ein Mensch, darüber sehr entsetzt,
dass man im Namen Gottes hetzt,
kann nicht begreifen und erfassen,
dass Muselmänner andere hassen.
Nur wer an Allahs Worte glaubt,
und tut, was der Prophet erlaubt,
den wird der Allerbarmer lenken
und Paradiesesfreuden schenken.
Heute soll gefeiert werden,
denn für Muslime hier auf Erden
geht die Kunde um die Welt:
„Der Yussuf ist ein großer Held!“
Für den Islam ist er gestorben,
und hat Unsterblichkeit erworben!
Um Feinde Allahs zu vernichten
und Gottes Herrschaft aufzurichten,
hat er, das Höchste zu erstreben,
sein junges Leben hingegeben.
Freudig wird das Wort vernommen,
er sei ins Paradies gekommen!
Selbst seine Mutter strahlt und lacht,
ihr Yussuf hat sich umgebracht,
und wird ins Reich der Lüste eilen,
um dort in Ewigkeit zu weilen.
Als seine Bombe detonierte,
schrie er - „Allah!“ - und krepierte.
Für viele Leute, die dort standen,
war keine Zeit zur Flucht vorhanden,
sie wurden in den Tod gerissen,
ohne Mitleid und Gewissen.
Nach Allahs Willen und Gebot,
erlitten sie zu Recht den Tod.
Wer Allah einen Sohn andichtet
ist schuldig und wird hingerichtet,
und wer den Mohammed beleidigt,
wird ebenfalls zu Recht beseitigt.
Die Heldentat, die er vollbracht,
hat Yussufs Eltern reich gemacht.

Helmut Zott

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Yussufs Heimstatt

Ein Mensch erringt den höchsten Sieg:
er kämpft und stirbt im Glaubenskrieg.
Weil man den Krieg dann heilig hieß,
darf Yussuf gleich ins Paradies.
Das ist ein ganz besonderer Ort:
glutäugig sind die Frauen dort;
es strömen Bäche, fließt der Wein,
ein Duft durchzieht den grünen Hain.
Man tauscht den ganzen Erdenfrust
für eine Ewigkeit an Lust.
Dort kriegt man für die Knabenliebe,
nicht wie auf Erden Peitschenhiebe,
und das Entjungfern macht viel Spaß,
wo denn im Leben kann man das!
Mit Allahs Segen und viel Freude
zerreißt man viele Jungfernhäute.
Ist dann der Pimmel schlaff und schmächtig,
hilft Allah schon, er ist ja mächtig.
Bald ist die Erdenpein vergessen,
beim Saufen, Huren und beim Fressen.
Die Frommen, die ins Jenseits drängen,
und freudig in die Luft sich sprengen,
sind zahlreich und sie werden mehr,
wo nimmt man nur die Huris her!
Schenkt man der neuen Kunde Glauben,
gibt es statt Jungfraun nur noch Trauben.

Helmut Zott

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Kurzgeschichte Nr. 2 (vom Stuttgarter Hutzenmännlein)

Die Sklaven der Angst

An einem See spielten zwei Kinder ganz ausgelassen am Wasser. Sie tollten und sprangen ganz übermütig, ganz so wie es eben der Natur von Kindern entspricht.
Es war an einem wunderschönem Sommertag am See. Ein älterer Herr beobachtete dies und sprach zu sich selber, wie es eben seine mürrische, vom Leben gezeichnete Art war: „Oh jeh, die Kinder werden sich noch etwas antun, bei all dem Übermut“. “ Da kann ja soviel passieren, die Welt ist so voller Gefahren und überall lauert eine böse Überraschung, die uns bervorsichtigen Menschen doch beweißt , wie gefählich das Leben eben ist und wie sehr man aufpassen muß“. Wir sehen doch immer wieder, daß wir ja so recht haben, daß man das Leben nur immer sehr vorsichtig angeht“.
Jetzt rollte die nette alte Frau mit dem Rollstuhl heran, die den mürrischen alten Mann sah und sich wieder mal zu ihm gesellen wollte. Die beiden kannten sich und hatten schon viel miteinander gestritten obwohl sie sich irgendwie einander gern hatten, weil Sie sich doch gegenseitig viel aus ihren unterschiedlichen Leben zu erzählen hatten. Si e trafen sich ebenfalls immer wieder gerne am See und beobachteten gemeinsam die unbekümmerte Welt um sich herum.
Guten Tag, sagte die Frau; Der Mann brummte sein übliches Murren und nickte Ihr zu. Sehen Sie, sagte die Frau im Rollstuhl, wie nett die Kinder doch spielen, wie ausgelassen Sie sich an den einfachen Dingen im Leben erfreuen. Ist es nicht schön, wenn Menschen sich einfach nur am Leben erfreuen können ohne groß darüber nachzudenken.
Der mürrische Mann widersprach ihr: „Papperlapapp – was die Kinder da treiben ist doch viel zu gefährlich. Zum Glück waren meine Eltern schon so streng, daß sie mir schon von klein an solche Flausen austrieben. Man muß immer aufpassen, es kann immer etwas passieren. Eines der Kinder könnte von der Strömung abgetrieben werden und dann ist das Gezeter groß. Haben Sie sich das schon mal überlegt. Ich wäre wohl nie so alt geworden, wenn ich nicht schon von Kind auf an auf mich aufgepasst hätte, darum bin ich bis heute trotz meines hohen Alters noch so gesund.“
„Ja“ sagte die Frau im Rollstuhl „Ich kann nur gut nachvollziehen, was Sie meinen, aber ist ihre Kindheit nicht sehr traurig gewesen, wenn Sie niemals so ausgelassen spielen konnten und ihr weiteres Leben, Ihre Jugend und danach, war das nicht die Hölle, wenn Sie immer an allem zweifelten, was immer Sie tun wollten, wozu immer Sie Lust hatten, weil Gott weiss was alles hätte passieren können. Wäre es nicht viel schöner gewesen auch einmal richtig nur aufzuleben, ohne Angst – mit dem Mut eines unwissenden Kindes?
Während die beiden Alten wieder mal so vor sich hin sprachen und über alles mögliche was doch passieren könnte, vergaßen Sie wieder mal alles um sich herum, als sie auf einmal einen laut gellenden Hilfeschrei hörten!
„Hilfe, Hilfe ich ertrinke“, rief eines der der beiden Kinder die eben noch so ausgelassen am See spielten. Er war von der heimtückischen Strömung abgetrieben worden und konnte auf einmal nicht mehr allein ans rettende Ufer zurück schwimmen. Das andere Kind stand zunächst ganz verzweifelt am Ufer und schaute um sich, wer ihm den noch helfen konnte. Ausser den beiden Alten war niemand da. Jetzt kam er ganz schnell zu Ihnen gelaufen und schrie: „Bitte, Bitte helfen Sie meinem Bruder, Sie sehen doch, daß er am ertrinken ist“. „ Bitte helfen Sie mir – ich schaffe das nicht als Kind ich bin als Kind noch viel zu klein für diese Strömung“. „Bitte schwimmen sie schnell auf den See hinaus und retten meinen Bruder, schnell bevor es zu spät ist“. „Sie können das, sagte er zu dem alten Mann, .
„Hilfe, ich ertrinke“, schrie der größere Bruder, der noch immer auf dem See versuchte zurück zu schwimmen.
Der mürrische alte Mann war sich sicher: „Da spring ich nicht hinein mein Kind, das ist mir viel zu gefährlich. Wir müssen deinen Bruder zurufen, daß er da etwas nach links schwimmen sollte, da ist ein Baumstamm, da kann er sich festhalten bis die Rettung kommt“.
Der alte Mann, das Kind und die Frau im Rollstuhl kamen näher ans Ufer. Der mürrische alte Mann rief dem ertrinkenden Jungen zu: „Schwimm da rüber Junge, etwas nach links, da kannst Du dich am Baumstamm festhalten. Oder schwimm lieber nach rechts, da ist ein großer Felsen im Wasser, da kannst du dich festhalten bis Rettung kommt“.
Die alte Frau im Rollstuhl schrie den mürrischen Alten an – er solle sofort ins Wasser springen und den Jungen retten. „Ich würde alles tun, wenn ich könnte. Aber sie sind ja noch gesund, sie können ohne weiteres schwimmen und den Jungen aus dem Wasser ziehen. Jetzt zeigen Sie doch mal, warum sie sich all die Jahre so fit hielten, jetzt können Sie es mal gebrauchen. Holen sie ihn sofort heraus“!
Der mürrische alte Mann stieß zurück: „Nein, Nein und nochmals Nein“ – „ Ich werde doch nicht wegen so eines dummen Lümmels mich in Gefahr bringen, mich vielleicht selber vielleicht zum Ertrinkenden machen anstatt dem Jungen zu helfen? Niemals, ich war immer ein sehr vorsichtiger Mensch und werde wegen so einer Torheit der wilden Kinder meinem Lebensprinzip doch nicht aufgeben. Ich wäre nie so alt geworden, wenn ich nicht mein ganzes Leben auf mich aufgepasst hätte“!
Die Frau entgegnet dem Alten ungeduldig: „Hören Sie endlich auf darüber nachzudenken, was alles sein und passieren könnte. Retten Sie den Jungen sofort, sehen Sie nicht daß er ertrinkt. Alles andere ist jetzt unwichtig – tun sie was – springen sie ins Wasser“!
Der kleine Junge, der dies alles mitanhören mußte aber nicht verstand wieso man ihm nicht half. Wie kann man nur soviel rumdiskutieren, hier geht es doch um das Leben meines Bruders – er ertrinkt gleich. Der kleine Junge merkte schnell, daß alles Reden und Denken hier überhaupt nichts half. Es hatte keinen Sinn, hier muß schnell was getan werden!
Der kleine Junge sprang in den See und schwamm so gut er konnte zu seinem Bruder. Als er dem Ertrinkenden näher kam, schien es als ob beide immer mehr Willenskraft gewannen. Sie hatten es selber geschafft, und darauf waren Sie jetzt stolz.
Der mürrische Alte Mann schaute nur verblüfft und murrte sein übliches Murren.
Die Frau im Rollstuhl jubelte vor Freude, als sie sah, daß es trotzdem gelang wie die beiden wieder an Ufer ankamen. Es war doch wieder mal wunderbar zu sehen, daß den mutigen die Welt gehört. Hier ist doch wieder mal der beste Beweis!
Der mürrische alte Mann sagte nur: „Nun ja Kinder – da habt ihr ja gerade noch mal Glück gehabt“. „Das nächste Mal müsst Ihr besser aufpassen, damit ihr auch so lange lebt wie ich und auch im hohen Alter gut beieinander seit.
„Sehen Sie“, sagte er zu der Frau, „In unserem Alter kann da schnell was passieren“. „Ich wollte ja helfen, aber sie wissen ja wie das ist bei uns älteren Menschen. Da kriegt man schnell einen Herzinfakrkt“!
Dann zog sich der mürrische alte Mann zurück und er war sich sicher , daß er doch eigentlich gar nicht hätte anders handeln können. Man stelle sich doch mal vor, was hätte da alles passieren können. Nicht auszudenken. Die Kinder haben einfach nur mal Glück gehabt. Der mürrische alte Mann stapfte mit seiner griesgrämigen Art, wie er nun einmal war in sein Haus zurück. Er dachte und dachte, er konnte nicht aufhören darüber nachzudenken, daß er doch richtig gehandelt hatte. Es war doch immer das gleiche in seinem Leben, die Menschen sind dumm, Sie denken nicht darüber nach, wie gefährlich doch das Leben ist. Der alte Mann legte sich, wie es seine Art war, die Dinge in seinem Kopf zurecht, doch er kam trotzdem niemals zur Ruhe. Er verstand es nicht, ich habe doch immer alles richtig gemacht in meinem Leben?
Die beiden Kinder gingen nach Hause, dabei schoben Sie die alte Frau im Rollstuhl vor sich her. Als die alte Frau den Eltern der Kinder erzählt hatte, was alles vorgefallen war, waren die Eltern erschrocken.
„Um Gottes willen“, sagte die Mutter, „Ihr müsste mir versprechen niemals mehr am See so ausgelassen zu spielem. „Ihr könntet jetzt tot sein“!
„Schauen Sie“, sagte die alte Frau, „Das ist genau der Punkt, wenn Sie Ihre Kinder zu Duckmäusern erziehen, dann werden Sie genauso mürrisch wie der alte Feigling am See“.
Der Vater nickte stumm!

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Kurzgeschichte Nr. 1

Die Vergewaltigung

Es war nichts Besonderes an Evelyne Schrammeier außer vielleicht ihrem Namen. Die Leute priesen ihren Namen als besonders weiblich, aber das war ein verschenktes Kompliment, denn sie war alles andere als weiblich. Sie sah aus wie eine kleine graue Maus; so grau, dass sie nicht auf die Trickkiste anderer jungen Mädchen zurückgriff. Sie stopfte keine Papiertaschentücher in ihrem BH, benutzte keine Kontaktlinsen und tat sonst nichts, was sie in den Augen der Jungs attraktiver gemacht hätte. Nicht, weil sie nichts von den Jungs hielt, sondern weil sie zu schüchtern war, um sich mit solchen Mitteln zu helfen und dadurch unnatürlich aufzufallen. Sie hätte nichts dagegen gehabt, wenn eine gute Fee mit ihrem Zauberstab sie in ein attraktives, kesses Mädchen umgewandelt hätte, wie zum Beispiel die Julia Juranicz eins war. Die Jungs drehten alle den Kopf um zu Juliaa, aber niemand zu Evelyne. Und sie sehnte sich doch so sehr nach einem Freund. Er sollte nichts Besonderes sein. Sie stellte keine großen Ansprüche. Es hätte gereicht, wenn es ihn gibt, wenn er einen Namen hatte; wenn sie mit ihm ein Date hatte, und nachher ihrer Freundin Nicki erzählen könnte, wie er sie geküsst hatte. Aber es gab diesen Jungen nur in ihren Träumen. Abends, wenn sie zu Bett ging, träumte sie oft von ihm, versuchte ihm einen Namen zu geben, sich ihn vorzustellen, wie er aussehen würde, welche Eigenschaften er hätte, was er zu ihr sagen, was er von ihr verlangen würde.

Nicki Feldmann war ihre beste Freundin. Und sie hatte einiges, was Evelyne nicht hatte. Sie hatte ein interessanteres Leben. Nickis Eltern waren geschieden und sie reiste einmal im Monat zu ihrem Vater nach München. Das war aufregend. Sie hatte immer was Abenteuerliches zu berichten, wenn sie zurück kam. Vater Feldmann und seine neue Freundin, eine Ostasiatin, machten aus diesen Wochenenden ein richtiges Happening. Nicki schwärmte nur noch für das chinesische Essen, für Feng-Shui, für Mantras und für eine Menge andere exotische Dinge. Evelyne hatte nichts Exotisches um sich, mit dem sie kontern konnte. Wenn ihre Freunde von den verschiedensten Kulturen sprachen, konnte sie nur mit ihrer längst verstorbenen Großmutter Henriette Clair aus dem Elsass aufwarten. Aber das interessierte niemand, am wenigsten sie selbst. Großmutter Henriette lebte nur noch in einem vergilbten Fotoalbum auf dem Dachboden. Was einmal war, zählte nicht mehr. Sie lebte in einer multikulturellen Nachbarschaft, in der sie und ihresgleichen längst in der Minderheit waren. Niemand interessierte sich noch für sie. Die meisten waren schon längst weggezogen und die anderen machten ähnliche Pläne. Die Schrammeiers konnten wegen ihres Geschäfts nicht wegziehen.

Nicki hatte schon ein Date gehabt, mit Emre Demir. Es war vielleicht nicht ganz der Richtige, weil es sich nicht wiederholt hatte. Emre sagte beim Abschied vor der Haustür, nachdem er sie geküsst hatte:
„Ich sehe dich morgen in der Schule.“ Aber er kam in der Schule nicht zu ihr. Er stand da mit seinen zwei Cousins und sie sprachen über Nicki und warfen eindeutige Blicke in ihre Richtung und grinsten vielsagend. Nicki schrieb ihm am nächsten Tag eine SMS, worauf er auf dem Nachhauseweg zu ihr kam und sagte, dass er ihr demnächst mitteilen wird, wenn sie sich noch einmal treffen würden.
„Du musst verstehen, dass ich mich nicht so einfach mit Dir treffen kann. Meine Freunde würden das nicht verstehen.“
„Willst Du Deinen Freunden nichts von uns erzählen?“ fragte sie.
„Nein, das kann ich nicht. Sie würden es meinem Vater erzählen.“

Das war ein Argument, das man akzeptieren musste. Vater Demir war bekannt für seine Strenge. Er wachte über seine Kinder wie eine Glucke über ihre Küken und bestimmte alle Dinge allein, die seine Kinder tun durften oder lassen mussten. Evelyne ahnte, dass Emre keine Lust auf Verabredungen mit Mädchen fürs Kino oder in Cafés hatte und seinen Vater nur als Vorwand benutzte.
„Die Türken wollen einem Mädchen nur an die Wäsche“, hatte ihr großer Bruder Chris sie ständig gewarnt. „Ihre Freizeit verbringen sie mit ihren Freunden. Die Mädchen legen sie flach und dann brüsten sie sich damit bei ihren Kumpels. Aber sie unternehmen nichts mit den Mädels, so wie wir Deutschen. Sie können mit Mädchen nicht befreundet sein. Dazu sind sie zu sehr Machos.“
Das sagte sie dann auch zu Nicki, als sie wieder mal über Emre und all die anderen Jungs sprachen, die ihre Phantasie beschäftigten.

„Aber er ist so süß“, sagte Nicki mit einer bitteren Stimme. „Ich liebe ihn, Eve. Wenn ich seine zerzausten Haare über der Stirn sehe, möchte ich ihn sofort knuddeln. Als er mich beim Abschied geküsst hatte, dachte ich, ich schmelze dahin.“ Nicki seufzte verloren und knuddelte das Kuschelkissen auf Evelynes Bett. Evelyne verstand ihre Sehnsucht nur zu gut. Wie oft hatte sie sich danach gesehnt, von einem Jungen geküsst zu werden. Insgeheim küsste sie sich manchmal ihren Unterarm und versuchte sich vorzustellen, wie es sich fühlen würde, wenn sie stattdessen den Mund eines Jungen küssen würde.
Die zwei Mädchen wollten eigentlich für die Klausur lernen und Mutter Schrammeier unten im Geschäft war überzeugt, dass sie nichts anderes taten, als Chemie zu pauken, oben in Evelynes unaufgeräumten kleinen Dachzimmer.
„Aber es hilft nicht, wenn er sich nicht mit dir treffen will“, sagte Evelyne.
„Ich muss ihn dazu bringen, dass wir uns noch einmal treffen“, seufzte Nicki.
„Wie wirst du es anstellen?“
„Ich weiß noch nicht“, antwortete Nicki missmutig.
Aber die Sache ging einfacher als sie gedacht hatte. Eigentlich musste sie gar nichts anstellen, denn zwei Tage später kam Emre in der Schule auf sie zu und fragte wie nebenbei, als ob es die banalste Frage in der Welt wäre:
„Was machst Du so am Samstag?“
„Ich?!“ stotterte Nicki.
„Ja. Hast Du Lust auf eine Party zu gehen?“ fragte Emre ganz cool.
„Mit Dir?“ Nicki ärgerte sich, dass ihr nur dumme, einsilbige Gegenfragen einfielen. Sie hätte gern was ganz Kluges, Lässiges erwidert, aber es fiel ihr nichts ein.
„Kommst du?“
„Ja.“
„Du kannst auch Deine Freundin mitbringen, wenn sie will.“
Bevor sie was antworten konnte, warf er ihr ein „Ciao, ich muss gehen“ zu und weg war er. Nicki blickte ihm lange nach.
Als sie dann später mit Evelyne darüber sprach fiel ihr ein, dass sie gar nicht wusste, was für ein Party es sein sollte. Sie hatte einfach vergessen ihn zu fragen, wo es stattfinden wird, wer da sein wird, alles. Evelyne schien es nicht anders zu gehen. Zuerst war sie aufgeregt, dass sie zu ein echter Party eingeladen war, denn das war so gut wie eine Einladung, nicht wahr? Dann aber bekam sie kalte Füße und dachte daran, dass sie dort gar nicht hinein passen würde, dass sie sich daneben benehmen würde, oder noch schlimmer, dass sie den ganzen Abend wie ein Stück Möbel dort sitzen wird und niemand sie bemerkt. Und sie wollte überhaupt nicht mehr mitgehen. Die anderen werden sicher alle größer sein und ganz cool, ganz locker.
„Wer wird noch kommen“, fragte sie.
„Ich weiß nicht. Aber seine Freunde werden bestimmt da sein“, mutmaßte Nicki. „Die hängen ständig zusammen rum. Auch in der Schule. Vielleicht kommt auch sein Cousin.“
„Wen meinst Du?

„Den großen Kerl mit dem Golf. Du weißt doch. Den, der ständig eine schwarze Jacke trägt. Du hast ihn schon mal vor der Schule gesehen. Neulich einmal hat er die Julia Juranicz abgeholt.“

„Ach der!“ Evelyne schürzte die Lippen, aber ganz so lässig klang sie nicht, wie sie gemeint hatte. Der Kerl mit der schwarzen Jacke sah wirklich so aus, wie der Mann auf der Calvin-Klein-Werbung. Sie wäre gern an Julias Stelle in seinen Wagen gestiegen.
***
Die Party fand in einem alten Haus irgendwo in der Gerberstraße statt. Es war ein altes Fachwerkhaus, über mehrere Stockwerke, zu denen man über ein enges Treppenhaus gelangte. Man konnte nur hinter einander gehen, denn der Treppenlauf war sehr schmal. Der Zwischenstock war verstellt mit alten Kommoden, voll mit Schuhen aller Art. Es war genau die Sorte Haus, die ihr Bruder ein Türkenhaus genannt hätte. Sie ging die Stufen hinter Nicki hoch ins zweite Obergeschoß voll gespannter Erwartung. In einem nicht zu großen Zimmer saßen überall Leute und unterhielten sich auf Deutsch und Türkisch gemischt. Alle sprachen auf einmal und es schien, als ob die Männerstimmen sich gegenseitig in Lautstärke und Fröhlichkeit überbieten wollten.
Außer ihrer Freundin und ihr waren nur noch zwei Mädchen da: eine sehr stark geschminkte Rothaarige und Julia Juranicz mit dem Jungen mit der schwarzen Jacke. Der Rest waren nur Jungs und Männer, zu einem großen Teil Türken.
„Hey Mann, passt auf, wo Ihr hintretet“, protestierte jemand auf dem Boden sitzend, mit dem Rücken zu der Wand gelehnt. Der Protest kam, weil Nicki mit der Spitze ihres Stiefels einen Aschenbecher berührte, der zum Überlaufen voll war. Ein glühender Zigarettenstängel rollte auf den befleckten Teppichboden und der Kerl, der soeben protestiert hatte, beugte sich vor, um ihn zurück zu holen. Auf den Teppich blieb ein kleiner schwarzer Fleck zurück. Der Raucher auf dem Boden rieb eifrig mit seinen Fingern darauf herum.
„Ey Mann, wenn Du den Teppich kaputt machst, schmeiße ich Dich raus!“ sagte ein dunkler Mann mit einem Sechserpack in der Hand, der gerade das Zimmer betreten hatte. „Mach bei dir zu Hause Sauerei, nicht hier bei mir, Du Kartoffelfresser!“ Der Junge auf dem Boden kicherte dämlich. Der dunkle Mann, der scheinbar der Gastgeber war, stellte den Sechserpack Bier auf den Tisch und begrüßte dann die Neuangekommenen. Die Männer begrüßten sich laut, umarmten sich und küssten sich auf die Wangen. Evelyne fühlte sich zuerst vergessen, bis sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Alle wollten, dass sie sich neben sie setzt, man bot ihr Bier und Zigaretten an. Jemand fragte sie sogar, ob sie Gras wollte.
„Was soll ich wollen?“ fragte sie verwirrt.
„Einen Joint zum Kiffen“ klärte man sie auf. Sie lehnte alles entschieden ab. Sie fühlte sich nicht ganz wohl und setzte sich auf einen alten geräumigen Sessel mit einem Veloursbezug in undefinierbaren Farben. Man fragte sie noch ein, zwei Mal irgendwelche Banalitäten, aber weil sie verkrampft war, klangen ihre Antworten recht abweisend, und so überließ man sie sich selbst. Das Gespräch um sie herum verlief zumeist auf Türkisch und war gespickt mit lautem Gelächter. Sie wusste nicht, worüber die anderen lachten, aber manchmal erwischte sie sich dabei, dass sie von der allgemeinen guten Laune mitgerissen wurde und mit lachte.
Evelyne verstand kaum etwas von dem Gespräch. Sie ließ ihren Blick über den Raum schweifen, sah sich die Leute verstohlen an, versuchte zu erraten, was sie machten, welche Dinge sie interessierten, ob sie eine Freundin hatten, die nicht nur deswegen nicht zu sehen war, weil sie nicht mitkommen wollte. Einmal sah sie sich den Kerl mit der schwarzen Jacke genauer an. Sie war noch nie so nahe bei ihm gewesen, sie hatte ihn noch nie so gründlich und ungestört betrachten können. Ja, er sah richtig gut aus. Er hatte ein männliches, eckiges Gesicht, das an den Fußballspieler Kuranyi erinnerte, aber seine Augen hatten was von Tarkan dem Sänger. Er schien zu fühlen, dass man ihn beobachtete, denn er wandte sein Gesicht zu ihr, aber dann sah er durch sie hindurch, ohne sie wahrzunehmen.
Dafür blickte die Rothaarige mehrmals zu ihr hinüber. Einmal trafen sich ihre Blicke wie zufällig und die Frau lächelte Evelyne freundlich an. Man konnte kaum den Menschen hinter dem Make-up wahrnehmen, empfand Evelyne. Aber sie war irgendwie sexy in ihrem engen Rock, den hohen Lackstiefeln und dem glitzernden Gürtel um die Taille. Evelyne wünschte sich im Verborgenen, genau so selbstsicher und sexy auszusehen, so viel Mut für auffallende Kleider und Make-up zu haben. Die rothaarige Frau gehörte zu Julias Clique, sie war mit dem Freund des Manns mit der schwarzen Jacke da, einem Mann mit einem runden Gesicht wie ein Vollmond. Neben ihm saß Markus Rothmann aus der Parallelklasse, hielt seinen Kopf mit den Händen und kicherte dumm vor sich hin:

„Mensch, bin ich zugedröhnt.“ Neben ihm hockte ein kleinerer Junge mit einer Bierflasche zwischen den Beinen, den Evelyne nur entfernt kannte. Er sprach zu dem Mann mit dem Vollmondgesicht, der auf einem Sofa zusammengezwängt mit fünf anderen Kerlen saß. Das Vollmondgesicht gestikulierte abwertend mit den Händen:
„Was willst du mit deinem Goethe? Ich scheiße auf deinen Goethe, Mann! Er ist seit zweihundert Jahren tot. Jetzt sind wir hier und niemand interessiert sich für Goethe. Trink, Mann, und halte deinen Mund!“ Er drehte ihm den Rücken zu, als Zeichen, dass er das Gespräch für beendet hielt und sagte zu Emres Cousin: „Son delikden ötüyor“.
Emre saß dicht gedrängt neben Nicki und begrabschte sie am Anfang nur zaghaft, versteckt, dann immer offensichtlicher. Er sprach dabei zu seinen Cousins, und schenkte Nicki nur halbwegs Aufmerksamkeit, wenn sie was zu ihm sagte. Sein Gesicht hatte einen selbstgefälligen männlichen Ausdruck.
Evelyne fühlte sich nicht wohl. Die Luft war schwer mit Zigarettenrauch und Biergeruch, zu dem sich etwas Süßes, Unbekanntes mengte. Ein Junge hatte sich auf die Armlehne ihres Sessels gesetzt und betatschte verstohlen ihre Schulter. Sie zog sich etwas zur Seite. Emre lachte sie an und erklärte:
„Er mag dich. Aber achte nicht auf ihn, er ist ein Blödmann“, und zu dem Jungen sagte er was auf Türkisch, dann wieder auf Deutsch: „Nicht wahr Bayram, du möchtest eine hübsche Freundin wie Eve.“ Bayram antwortete nichts. Er sah sie nur mit einem gierigen Blick an, der das verdeutlichen sollte, was seine Hände sich nicht ganz trauten zu tun. Evelyne zog sich immer mehr zur Seite und Bayram beugte sich immer mehr über sie, bis sie kaum noch sitzen konnte. Ihr Kopf schmerzte sie von der schlechten Luft.
Julia und das rothaarige Mädchen waren inzwischen verschwunden. Auch der Kerl mit der schwarzen Jacke war nirgends zu sehen. Manchmal ging jemand hinaus oder kam herein. Bayram war so zudringlich geworden, dass sie es kaum noch ertrug. Sie stand auf und ging zu Markus und dem anderen Jungen. Dieser nahm noch einen Schluck aus seiner Bierflasche.
„Willst du auch was trinken?“ fragte er. „Oder willst du lieber an meinem Joint ziehen?“ dabei fuchtelte mit der Zigarette vor ihrem Gesicht. „Hier, zieh mal.“
„Nein, danke“, wehrte Evelyne ab.
Markus sah den Jungen von der Seite an und fing an zu kichern:
„Wenn ihr Onkel mitkriegt, dass wir ihr hier Gras zum Rauchen geben, buchtet er uns alle ein.“
Man nahm mit Bestürzung die Neuigkeit zur Kenntnis, dass Onkel Max auf dem Polizeirevier im südlichen Stadtteil arbeitete. Auf einmal schienen sie alle etwas kühl zu ihr zu sein und sie fühlte sich irgendwie überflüssig. Am liebsten wäre sie weggegangen, aber sie wusste nicht, wie sie es anstellen sollte. Als einer von Emres Cousins sich verabschiedet hatte,  schöpfte Evelyne Mut und schloss sich ihm an:
„Ich gehe auch mit dir bis zur U-Bahnhaltestelle, wenn es dir nichts ausmacht“, sagte sie und war schnell bereit zu gehen. Sie verabschiedete sich nur mit einem einzigen „Tschüss“ von allen und gab nicht mal richtig Antwort auf Nickis Frage, warum sie so früh gehen wolle. Sie schlüpfte hinter Emres Cousin und hinter noch einem Kerl durch die Tür.
Als sie auf den Zwischenstock gelangte ging unten im ersten Stock gerade eine Tür auf. Sie hörte eine Frauenstimme wimmern:
„Ich will nicht. Hört bitte auf, ich kann nicht mehr!“
Der andere Kerl, der vor ihr ausgegangen war, drängte sich neben demjenigen vorbei, der die Tür aufgemacht hatte. Zwischen ihnen beiden erhaschte sie durch die Tür einen Blick auf das rothaarige Mädchen die jetzt auf dem Sofa lag, den Kopf zur Seite gedreht und dem hochgeschobenen Pullover. Der Rest von ihr war von der halboffenen Tür verdeckt. Das Mädchen hatte sie auch gesehen und rief hinter ihr mit einer lallenden Stimme, wie eine Betrunkene:
„Hilf mir! Bitte hilf mir doch! Sag ihnen, dass ich nicht mehr kann. Sie sollen mich in Ruhe lassen. Bitte!“
Emres Cousin schob sie an der Tür vorbei an zu dem nächsten Treppenlauf und der andere Kerl machte hastig die Tür zu.
„Was ist mit ihr? Was machen sie mit ihr?“ fragte Evelyne beunruhigt.
„Sie ist betrunken. Vergiss sie“, antwortete er. „Sie ist eine betrunkene Schlampe.“
Sie gingen wortlos neben einander. Evelyne suchte nach etwas, was sie ihm hätte sagen können, aber ihr fiel nichts ein. Als sie die Haltestelle erreichten, kam gleich ihre U-Bahn, so dass sie kaum Zeit hatte, sich von ihm zu verabschieden. Und sie war froh, wieder zu Hause zu sein und ihre verrauchten Klamotten auszuziehen. Sie zog die Decke über den Kopf und wollte nichts mehr von der ganzen Welt wissen.
Am nächsten Tag wachte sie schlecht gelaunt auf. Die Kopfschmerzen waren weg, aber die Erinnerungen an den unangenehmen Abend quälten sie. Ihre Klamotten stanken nach Mief und Zigarettenrauch. Sie trug sie sofort alle in den Keller in den Wäschekorb. Anschließend wusch sie sich die Haare viel gründlicher als sonst. Sogar ihre Schuhe legte sie aus zum lüften. Danach suchte sie sich allerlei Aufgaben, um nicht an den schlechten Abend zu denken. Sie wollte nur noch den Sonntag genießen und das Ganze hinter sich zu begraben.
Aber das ging nicht so einfach, wie sie sich vorstellte. Am nächsten Tag, kaum dass sie aus der Schule kam, klingelte die Polizei in ihrer Haustür. Ob sie ein wenig Zeit hätte und auf das Revier mitkommen könne. Der Beamte klang freundlich, aber sehr reserviert und konnte ihr nicht sagen, worum es ging, er hatte lediglich die Aufgabe, sie zum Revier zu begleiten. Sie gab einen kurzen Anruf ins Geschäft, um ihrer Mutter Bescheid zu sagen, nahm ihre Jacke und stieg mit in den Polizeiwagen.
***

Nachdem sie mehrmals und in mehreren Dienststellen ihren Ausweis vorzeigen musste und in einige Register eingetragen wurde, ließ man sie in einem langen Korridor warten. Sie saß auf einem der zwei unbequemen Stühle und starrte auf die geschlossene Tür des Zimmers 206. Sie hatte immer noch keine Vorstellung davon, weswegen sie hier war. Irgendetwas in der Haltung der Leute ließ sie ahnen, dass es sich um etwas Schwerwiegendes handelte, obwohl man ihr auch einige verständnisvolle, ermutigende Blicke zuwarf. Aber der Tonfall war unbeteiligt, geschäftig. Dann stellte man sie vor dem Zimmer 206 ab und sie hatte im halbdunklen Korridor auf eine Frau Backmaier zu warten, die aus irgendeinem Grund, die sie nicht richtig verstanden hatte, bei ihrer Vernehmung unbedingt dabei sein musste.
Aber warum wollte man sie vernehmen? Was hatte sie bloß getan, was man ihr vorwerfen konnte? Es musste ganz sicher etwas mit dem Party von gestern Abend zu tun haben, aber sie war sich nicht im Klaren, was. Die anderen hatten gekifft und ihr auch einen Joint angeboten, aber sie lehnte es ab, denn der süßliche, unangenehme Geruch war ekelhaft, widerlich. Aber das konnte es nicht gewesen sein, denn sehr viele Leute kifften. So viel Polizei gab es in ganz Deutschland nicht, um alle Kiffer zu verfolgen, sagte sie sich.
Evelyne war ihr kurzes Leben lang immer darauf bedacht, unauffällig zu bleiben. Sie scheute aus einer natürlichen Schüchternheit jede Aufmerksamkeit, denn sie fühlte sich nicht wohl, wenn all die anderen Menschen sich mit ihr beschäftigten. Die schillernde Gestalt der Familie war ihr großer Bruder. Chris konnte es irgendwie immer so anstellen, dass sich die ganze Familie mit ihm beschäftigen musste, dass alle seine Taten besprachen und jeder eine andere Meinung dazu hatte und er fühlte sich noch wohl dabei. Chris konnte wegen Nichtigkeiten einen Aufruhr verursachen, weil immer irgendwelche Probleme auftauchten, die er einfach unfähig war, ohne Aufmerksamkeit aus dem Weg zu räumen. Evelyne war das Gegenteil: Sie konnte Schmerzen ertragen, ohne aufzumucken, wenn Fremde da waren, vor denen sie sich schämte über eine banale, nach ihrer Meinung lächerliche Angelegenheit zu klagen. Sie quälte sich in einer fremden Umgebung, wenn sie auf der Toilette gehen musste, weil sie sich schämte, irgendjemand nach den Weg zu fragen. Auch jetzt, im dunklen Korridor hoffte sie aus dem ganzen Herzen, diese Polizeiangelegenheit, was immer sie war, so hinter sich zu kriegen, dass niemand davon Wind bekam.
Sie saß ganz in sich zusammengesackt und kaute an das Gehäuse ihrer Fingernägel, bis lose Hautfetzen zwischen roten Flecken hingen, als die Tür des Zimmers 208 aufging und Nicki herauskam. Evelyne zuckte zusammen und starrte  mit tellergroßen Augen sie an.

Nicki war von einem uniformierten Polizeibeamten begleitet und sie konnten nur ein „Hallo“ wechseln, aber es war deutlich, dass Nicki ihr etwas sagen wollte, denn sie drehte sich einmal um und blickte sie mit einem entschuldigenden Blick an. Der Beamte streckte gleich die Hand aus und schob sie höflich weiter. Dann öffnete sich auch die Tür des Zimmers 206 und sie wurde hineinkomplimentiert.
Sie nahm gegenüber einem älteren, untersetzten Beamten Platz. An einen Seitentisch saß eine andere Frau vor einem Computer, die alles, was sie sagte, aufschreiben würde, damit sie nachher ihre Aussage unterschreiben konnte. Ob sie eine Frau Lena Krawczinski kannte, eine rothaarige junge Frau polnischer Herkunft, die gestern Abend auf einer Party in der Gerberstraße von mindestens neun Männern vergewaltigt und misshandelt wurde. Evelyne saß da wie jemand, über den der Himmel soeben eingestürzt war. Die rothaarige Frau, eine junge Kellnerin, war mit Julia Juranicz befreundet, kam in der Nacht mit deutlichen Misshandlungsspuren und unter starkem Alkohol- und Drogeneinfluß in die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses. Die Anwesenden auf der Party behaupteten, dass sie mit ihrer Einwilligung Sexualverkehr hatte und die Misshandlungsspuren seien alle dadurch entstanden, weil sie stark betrunken war und mehrmals hingefallen war oder sich an den Möbelkanten verletzt hatte.
„Sehen Sie, Frau Schrammeier – oder darf ich Sie Evelyne nennen?“ fragte der Beamte.
„Nennen Sie mich einfach Eve“, sagte Evelyne, immer noch dumpf unter der Einwirkung des soeben Gehörten. Sie kam sich vor, als ob sie im Kino wäre und all das, was sie hörte, gar nichts mit ihr zu tun hatte, dass es auf der Leinwand abspielte, ein Mädchen namens Eve auf der Leinwand von der Polizei verhört wurde und sie, Eve sah sich aus den Zuschauerrängen das Ganze an.
„Also das Opfer, Frau Krawczinski, behauptet, dass sie von den Männern zu sexuellen Handlungen gezwungen wurde und dass ein anderes Mädchen, das ebenfalls auf der Party war, sie gehört haben muss, wie sie sich wehrte und um Hilfe rief.“ Der Beamte sah ihr intensiv in die Augen und Eve wurde klar, dass man von ihr eine Antwort erwartete. Aber sie sagte nichts, erwiderte nur stumm den Blick des Beamten. Dieser war gezwungen fortzufahren: „Dieses Mädchen können nach unseren Ermittlungen nur Sie oder Ihre Freundin Nicole Feldmann gewesen sein. Nicole sagt jedoch, dass sie gar nichts mitbekommen hat und dass sie  gegen Elf Uhr mit diesem Emre Demir und seinem Cousin die Party verlassen hat. Sie behaupten nun auch, dass Sie mit Emre Demirs Cousin weggegangen sind. Wie sollen wir das verstehen?“

„Es waren zwei Cousins von Emre da“, sagte Evelyne kleinlaut. Ihr Mut hatte sie verlassen und sie konnte kaum noch sprechen. Sie antwortete auf die meisten Fragen mit einem lautlosen Kopfschütteln und nur selten rang sie sich ein leises Ja oder Nein ab. Sie hatte Angst und schämte sich, dass dies alles mit ihr geschehen war, dass sie dorthin gegangen war, dass sie solche Menschen kannte und mit ihnen einen ganzen Abend verbracht hatte. Ihr fiel gar nicht ein, dass sie die meisten von ihnen gar nicht gekannt hatte und dass sie mit ihrer Tat nichts zu tun hatte. Sie fühlte sich schmutzig, als ob man sie selber vergewaltigt hätte und gleichzeitig fühlte sie sich schuldig, als ob sie die Verantwortung für die Tat trug, als ob sie dadurch, dass sie dort war, an der Vergewaltigung beteiligt gewesen wäre.
„Sie haben also nicht gehört, dass Frau Krawczinski Nein sagte und um Hilfe rief?“ fragte der Beamte eindringlich.
„Nein.“
„Denken Sie nach. Ganz sicher nicht?“
Evelyne kratzte verzweifelt an den Fingernägeln, an den Stellen, an denen sie draußen herumgekaut hatte, bis die Wunden schmerzten. Der Schmerz tat ihr gut. Er lenkte ab. „Sie hat irgendwas gesagt und geschrien, aber ich habe nicht verstanden, was. Selim, das war Emres Cousin, sagte mir, dass sie betrunken war und dass sie eine Schlam…, dass sie… dass…“ Sie stotterte und wusste nicht, was sie sagen sollte.
Als das Ganze zu Ende war und sie wieder auf der Straße stand, atmete sie tief durch. Sie lehnte es ab, von den Beamten wieder nach Haus gefahren zu werden. Sie musste erst mal Zeit haben, über das Ganze nachzudenken, bevor sie ihre Eltern traf. Und sie musste unbedingt mit Nicki sprechen, um zu erfahren, was geschehen war, was von der ganzen Geschichte stimmte und ob Nickis Mutter was davon erfahren hatte. Sie konnten aber nur kurz telefonieren, weil der Akku ihres Handys ziemlich leer war. Nicki hatte von der Vergewaltigung keine Ahnung gehabt, sagte sie. Nur als die Polizei sie am Morgen abgeholt hatte, erfuhr sie, dass diese Lena vergewaltigt worden sei. Ob das stimmt, wusste sie aber nicht. Sie war die Freundin von Julia und Julia selber war eine aufgeblasene Zicke. „So ist es mit diesen Ausländern aus Osteuropa“, schlussfolgerte sie nicht ganz logisch, „sie sind alle verlogen und faul.“
„Weiß Deine Mutter, warum Du zu der Polizei musstest?“
„Wo denkst Du hin? Meine Mutter bringt mich um, wenn sie das hört.“ Nicki bettelte sie an, ja nichts ihrer eigenen Mutter zu erzählen. Aber sie brauchte gar nicht drängen. Sie wollte ja niemandem etwas erzählen. Am liebsten wollte sie nicht mal mehr mit Nicki darüber sprechen, sie wollte das Ganze so schnell wie möglich vergessen und verdrängen. Das Handy piepste zum Zeichen, dass der Akku leer war und es dann verstummte. Die Verbindung war unterbrochen.
Sie ging zu Fuß die leere Straße hinunter und versuchte hart, nicht an die Vergewaltigung zu denken. Ihr Bruder Chris wird heute Abend nach sechs Monaten aus England zurück kommen und seine Rückkehr war ein Grund zur Freude. Sie zwang sich, an ihren Bruder zu denken und sich darüber zu freuen, wie sie sich bereits die ganze Woche zuvor gefreut hatte. Aber es ging nicht. Von einem Plakat auf einer Litfaßsäule strahlte sie eine rothaarige Frau mit vorgeschobenen Brüsten in weinroter Unterwäsche für die junge und die junggebliebene Frau an. Ihre Haare und ihre vollen Brüste erinnerten sie an Lena. Ja, Lena hatte solch große runde Brüste, über die die Männer immer geile Witze machten und nachher immer verschämt-verschmitzt guckten, wenn sie merkten, dass Mädchen wie sie und Nicki zuhörten.
Sie sah Lena vor sich, auf das Sofa, mit dem verschmierten Gesicht und ihrem verzweifelten Blick, wie sie rief und bettelte. Aber Emres Cousin sagte, dass sie das freiwillig tat, weil sie eine Schlampe war und ihren Spaß daran hatte. Und sie war Julias Freundin und jeder wusste, dass Julia eine Schlampe war. Sie hatte keine genaue Vorstellung davon, was eine echte Schlampe war und sie erinnerte sich nicht, Julia je mit einem anderen Jungen als mit dem Kerl mit der schwarzen Jacke gesehen zu haben, aber sie war trotzdem eine Schlampe. Sie sah wie eine aus und sie kam aus Osteuropa und ihr Bruder Chris hatte mal gesagt, dass sie eine Schlampe war und dass sie sich besser von ihr fernhalten sollte.
Aber ob man sie vergewaltigt hatte, oder ob sie es freiwillig mit sich machen ließ, konnte Evelyne nicht entscheiden. In einem Moment sah sie Lenas bettelnde Blick, im anderen hörte sie wieder, wie Emres Cousin wie eine Nebensache alles erklärte. Was immer es war, es war nicht ihre Sache. Sie wollte nicht mehr darüber nachdenken, sie wollte alles vergessen und mit diesen Leuten nie mehr was zu tun haben.

 
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