Die Scharia in der Türkei

Ein Halbmond neben dem anderen: Wahlzettel für die türkische Parlamentswahl 2007, Wahlgebiet Istanbul.
Das Bild, zusammen mit der Kurzbeschreibung des Artikels beim Goole öffnete mir die Augen: Diese viele Halbmond-Parteien auf diesem Wahlzettel sprechen Bände! Formell scheint die Türkei eine Demokratie zu sein, aber alle Parteien sind de facto islamische Parteien und sie promoten von dem Her die islamische Gesellschaftsform.
Die Zusammenfassung dieses Artikel muß folgerichtig lauten: Die Demokratie in den islamischen Staaten ist eigentlich die totalitaristische Scharia.
Ich war auf der Suche nach Scharia-Elemente in der heutigen Türkei. Dieser Artikel ist etwas länger und sehr anspruchsvoll, aber ein Muß für jeden, der sich ernsthaft mit der Demokratie und mit dem politischen Aspekt des Islam beschäftigt. Ich hole nur 1-2 Zitate heraus, aber ich empfehle euch den ganzen Artikel wärmstens.
„Religion“ heißt auf Arabisch ??? (spricht sich etwa wie [di:n]). Islam, Christentum, Judentum sind also ???, Buddhismus, Hinduismus u.a. dagegen nicht, da sie nicht als Religion anerkannt werden. Außer als Lehnwörter kennt das Arabische keine eigenen Begriffe für Demokratie, Diktatur oder ähnlichem. Fragt man näher nach, wie man denn zum Beispiel „Demokratie“ am besten auf Arabisch wiedergibt, bekommt man eine überraschende Antwort: Auch „Demokratie ist ???. Wenn sich die erste Verblüffung gelegt hat, wird einem schnell klar, woran das liegt.
Und dann:
Islam ist klassisch gesehen eine Religion und gleichzeitig ein Gesellschafts- und Politikmodell. Wie genau dies aussieht, wie es sich in der Geschichte entwickelt hat und wie es heute angewandt wird, dazu unten mehr. (...)
Der ideale Staat hat nach moslemischer Auffassung nur einen Souverän: Allah. Sein Wille offenbart sich direkt im Koran, indirekt in der Sunna (Hadithe), also den aufgezeichneten Äußerungen Mohameds zu Lebzeiten. Zusammengefasst ergibt das die Scharia, über die im Westen häufig völlig falsche Vorstellungen herrschen aufgrund von medialen Horrorberichten. Alle Nachfolger des Propheten gelten als Stellvertreter Gottes (khalifa), die das Gesetz umzusetzen haben und allenfalls Ausführungsbestimmungen (qanun = canones) erlassen, um alles, was in der Scharia nicht geregelt ist, mit Leben zu füllen. Dem Kalifen, der im Idealfall ein gütiger Richter und Philosoph, aber auch ein guter Kämpfer sein soll, steht ein Beratergremium zur Seite (die Schura). Das gemeine Volk (die Umma) hat ohne zu hinterfragen den Weisungen des Kalifen zu folgen. Unklar bleibt, wie das Beratergremium zusammengesetzt sein soll und von wem es gewählt wird, oder was zu tun ist, falls der Kalif den definierten Anforderungen nicht entspricht. Die Parallelen zum Vatikanstaat sind verblüffend.
Hier müßte der Autor aber auch die Differenzen erkennen. Der Islam hat den Anspruch, dieses ganze politische Gerüst von Mohammed abzuleiten. Unabhängig davon, ob Mohammeds Existenz wissenschaftlich erwiesen ist oder nicht, stellt die islamische Mythologie diese Gesellschaftsform, als diejenige, die zu Mohammeds Zeit, bzw. unmittelbar nach seinem Tode, gegolten hat. Und in den Analysen zu Mohammed und seinen Äußerungen wird gesagt, dass er auf sich selber und auf seiner eigenen Umgebung fixiert war. Seine politisch-gesellschaftliche Perspektive war so sehr auf seine eigene Gegenwart reduziert, dass er nicht mal seine Erbfolge geregelt hatte! Ganz konkret: Das islamische Weltbild hat keine zeitliche Perspektive. Zeitlich gesehen ist der Islam ein Flachbild. Im Volksmund gibt es ein Wort "oberflächlich".
Dagegen ist die politische Form, die im Vatikan angewendet wird, nach eigener Darstellung eine über mehrere Jahrhunderte entwickelte Form. Alle Konzille sind fein säuberlich aufgezeichnet. Durch diese zeitliche Perspektive gewinnt der vatikanische Modell Tiefe, ist viel komplexer.
Wie gesagt, diese unterschiedlichen temporalen Perspektiven beziehen sich auf das Bild, wie sich diese zwei Religionen selbst darstellen. Denn ob der Islam tatsächlich nur zur Lebzeiten Mohammeds entstanden ist, ist wissenschaftlich nicht zufriedenstellend geklärt.
Und zuletzt die Schlußfolgerung des Artikels:
Dieses islamische religiös-politische Sendungsbewusstsein steht damit auf einer Stufe mit dem westlich-demokratischen Sendungsbewusstsein. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Demokratie mit all seinen bürgerlich-weltlichen Freiheiten für Moslems ein ebenso rotes Tuch darstellt wie für uns die Vorstellung, unter der Scharia leben zu müssen.
Der Dialog, der mithin nach allem was wir sehen kein rein religiöser sein kann, muss völlig neu angedacht werden, wenn wir ein friedliches Nebeneinander der Kulturen anstreben. Noch einmal anders stellt sich die hier nicht behandelte Frage, inwieweit Moslems, die per Migration in den westlichen Demokratien gelandet sind, hier ein passendes Lebensumfeld finden können und welche beidseitigen Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen.