Die Negativinflation und die Verbraucherpreise in Deutschland

Ich hatte gedacht, ich kenne mich ein wenig mit den Mechanismen der Wirtschaft aus. Und als Konsument meinte ich, die Preise zu kennen, denn ich bin Preisbewußt. Aber dieser Artikel in der Welt verwirrt mich, das gebe ich zu:

Die Preise in Deutschland fallen und fallen

Dieser Titel klingt katastrophal.

Und man meint es auch katastrophal, das wird leicht ersichtlich, wenn man den Artikel durchfliegt:

Preisentwicklung waren die erneuten Preisrückgänge bei Energie und Nahrungsmitteln, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Den Angaben zufolge sank der Verbraucherpreisindex um 0,3 Prozent. Damit sei zum zweiten Mal in diesem Jahr eine negative Inflationsrate ermittelt worden, hieß es. Im Juli hatte sie 0,5 Prozent betragen. Im Vergleich zum Vormonat August habe sich der Verbraucherpreisindex um 0,4 Prozent verringert, teilten die Statistiker weiter mit. Die Schätzungen für September wurden damit bestätigt.

Bei Energie hätten sich binnen Jahresfrist vor allem bei Mineralölprodukten Preisrückgänge von 18,6 Prozent ergeben. Die Nahrungsmittelpreise seien im gleichen Zeitraum um 3,0 Prozent zurückgegangen. Ohne Berücksichtigung der Preisentwicklung bei Energie und Nahrungsmitteln hätte die Inflationsrate im September 2009 bei plus 1,3 Prozent gelegen.

und:

Insgesamt habe sich Energie um 9,0 Prozent gegenüber September 2008 verbilligt,

und:

Eine gegenläufige Preisentwicklung sei weiterhin für Strom ermittelt worden. Preisrückgänge für Strom seien zuletzt im Jahr 2000 festgestellt worden.

Ich weiß aber nicht, wo die Katastrophe liegt, denn die Gas- und Strompreise wurden innerhalb der letzten paar Jahren dermaßen angehoben, dass ein leichter Rückfall von ein paar Prozentchen eigentlich nur als ein Einpendeln zu betrachten sei. Dasselbe kann man zu all den anderen Preisen sagen, die hier erwähnt wurden: Strom, Benzin, Lebensmittel...

Mindestens um 30% hat sich binnen 3-4 Jahren der Gazpreis verteuert. Die Lebensmittelpreise haben sich binnen 8 Jahren verdoppelt. Ebenfalls das Benzin. Wo liegt also das Problem, wenn die Preise mal leicht zurückfallen? Erst neulich ist mir beim Marktkauf aufgefallen, dass ein Kilo Weintraube jetzt, mitten im Saison 3 Euro kostet. Oder die Suppengemüse wurde von 0,99 auf 1,49 erhoben. Das ist meiner Meinung nach kein Preisrückgang bei Nahrungsmitteln.

Was mich aber verwundert, ist die Sache mit der Inflationsrate. Im Artikel fällt das Stichwort "Negativinflation" (oder "negative Infrlationsrate"). Und das stimmt! Irgendwie ist der Leitzins - und meiner Meinung nach das Bestimmt die Inflation, nicht die Verbraucherpreise - auf einem historischen Tief. Wie kommt es, dass die Preise steigen, aber die Zinsen fallen? Früher war es immer so, dass bei steigenden Preisen auch die Zinsen steigen mußten. Und das ergab zusammen die Inflation. Man kennt doch die historische Inflationsbeispiele, z. B. nach dem ersten Weltkrieg. Eric Maria Remarque beschreibt sie sehr schön in seinem Roman Der schwarze Obelisk. Bei einer normalen Inflation muss das Geld ihr Wert verlieren, wenn die Verbraucherpreise steigen. Und aber bei uns hat in den letzten paar Jahren das Geld kaum sein Wert verloren. Man erinnere sich nur an den Wertverlust des Geldes z. B. in den 70-80er Jahren. Das war echte Inflation! Ich hatte vor längerer Zeit irgendwelche historische Inflationstabellen gesichert, die sind leider nicht mehr auffindbar.

Aber ich kann mir die Sache nur in einer Weise erklären: Entweder werden die Preise künstlich hochgetrieben, oder die Zinsen künstlich niedrig gehalten. Für den ersteren Fall fällt mir dieser historische Akt im 18. Jh ein, als die Engländer eine Schiffladung von Tee ins Meer gekippt hatten und damit der Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten anfing. Was die Zinsen betrifft, wenn sie künstlich niedrig gehalten werden, dann kann die echte Inflation jeden Moment anspringen. Und wehe uns, wenn sie das tut! Ich meine, wenn man z. B. jede paar Monate die Gehälter, Mieten, Renten u. ä. erhöhen muß, um mit der Inflation, mit den Lebenskosten Schritt zu halten.

Die andere Perspektive ist natürlich die Zinswirtschaft (jüdisch-europäische Tradition) versus zinslose Wirtschaft ( islamische Scharia-Banking). Nun schimpfen einige auf die jüdische Zinswirtschaft. Aber möglicherweise war gerade diese der springende Motor der abendländischen Entwicklung. Im frühen Mittelalter fehlte das Geld und man kam nicht vom Fleck. Erst als das Bankensystem und die Zinswirtschaft entstand, da gab es Geld für die berühmten Unternehmungen. Es hat nicht ausgereicht, dass kühne Menschen für große Reisen u. ä. bereit waren, dass findige Denker auf komische Ideen kamen. Um diese Träume zu verwirklichen, war Geld nötig. Ebenso war Geld nötig um den Handel anzukurbeln, oder später die industrielle Revolution auszulösen. Irre ich mich etwa, oder lag es zu einem großen Teil an die zinslose Scharia-Wirtschaft, dass die islamische Welt all diese Wunder nicht vollbringen konnte. Wozu soll nämlich jemand sein Geld für eine Sinbad-Reise hergeben, wenn er mit keinerlei Zinsen belohnt wird?

2 Kommentare:

  1. Papperlapapp schrieb am 11. Oktober 2009 um 16:56:

    Das Austauschverhältnis von Geld zu Gütern wird von der Zentralbank dehingehend verändert, indem die Zentralbank den Geldzufluss steuern kann und auch den Wert von Geld bewertet.
    Das könnte jetzt alles so schön einfach sein, aber nicht nur das Geld unterliegt einer Bewertung, auch die Güter an sich. Gerade diejenigen, die an Börsen gehandelt werden und mit denen spekuliert wird.
    Die Hersteller scheinen nun endlich die Preise an die Verbraucher weiter zu geben, denn Energiekosten sind gesunken – mal von der DB abgesehen. Energie steckt in sehr vielen Produkten, sei es der Joghurt der von der Produktionsstätte auf der Alm nach Hamburg gekarrt wird, ja schon im Joghurtbecher finden wir Energieaufwendung.
    Die Energiepreise werden künstlich hochgehalten – ist aber klar, je mehr der Verbraucher angehalten wird – politisch gewollt – zu sparen, deswo weniger kommen die Bereitsteller von Energie auf ihre Kosten. Die Aufwendungen für Instandhaltung, Personal etc. bleiben nun mal. Für die Ölproduzenten sind wir nur Melkvieh. Auslutschen, bis nix mehr da ist – auf beiden Seiten.
    Problematisch wird es, wenn Energie nicht mehr erschwinglich ist und wenn 0-Zins-Darlehen normal geworden sind.

  2. Kybeline schrieb am 13. Oktober 2009 um 09:37:

    @Papperlap
    Da ist wahnsinnig viel Information in deinem kurzen Kommentar, fast so dicht zusammengedrängt wie die Materie in einem sogenannten Schwarzen Loch.
    Und die stimmt auch, die ist einleuchtend genug.

    Ich frage mich nur, wie diese 0-Zins-Darlehnwirtschaft funktioniert. Sie kann nur kommunistisch oder islamistisch befohlen sein. Kein Mensch riskiert, sein Geld ihrgendwem zu leihen, ohne ein Entgelt. Und das ist nun mal die Zinswirtschaft, egal wer was dazu islamisch fabuliert.

    Wenn die Finanzwirtschaft von oben befohlen wird und dann die (fast) 0-Zins eingeführt wird, das kenne ich bereits aus dem Kommunismus. Das Geld wurde dermaßen fiktiv bewertet, dass am Ende zu dem freien Markt wahnsinnige Unterschiede gaben. Da war offiziell der DM 1:1 zum DDR-Mark und in der Wahrheit zahlte man vielleicht 20 Ost-Mark für eine DM.

    Oder in Ungarn war ein DM vielleicht 10 Forint und in der Wahrheit zahlte man 100 Forint.
    Und legte man sein Geld bei der Bank an, bekam man vielleicht 1% Zinsen.

    Auf dem Schwarzmarkt kannte ich ein paar Leute, die 10% für einen Monat nahmen, wenn jemand Geld brauchte. Es waren häufig Rentner, die vielleicht gerade mit diesen Wucherzinsen über die Runde kamen, weil sonst ihre Rente nicht gereicht hätte.

    Das kommt alles zurück, wenn der Staat sich vom realen Markt (ob Finanzen, Rohstoffen oder sonst was) zu sehr entfernt. Mit dem Arbeitsmarkt sehen wir jetzt schon, wie die Schwarzarbeit blüht.

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