Warum ich bekennende Agnostikerin bin

Ecce homo - Pilatus präsentiert dem Volk den gefolterten Jesus.

Die Antwort ist kurz: Weil ich alles andere anmaßend finde!

Die längere Variante lautet:

Bereits die antike Griechen hatten erkannt, das das menschliche Fassungsvermögen verglichen zu dem göttlichen sehr beschränkt ist: Götter können alles, wissen alles, sind unsterblich. Menschen dagegen, auch die klügsten, stärksten oder mächtigsten, sind alle vergänglich. Götter sind vollkommen, Menschen unvollkommen. An den Wänden des Heiligtums von Delphi hatten sie geschrieben: Erkenne dich selbst, Du bist und Nichts im Übermaß. (gnothi se auton und medèn ágan). Dieses Erkenntnis wird in ihrer vollen Größe im Drama des verkrüppelten Königs Ödipus von Sophokles thematisiert - oder in vielen wunderschönen Mythen, wie die Götter denjenigen vermessenen Menschen eine Lektion erteilt hatten, die sich für einen kurzen Moment anmaßten, sich den Göttern gleich zu wähnen.

Das Erkenntnis der menschlichen Grenzen hinterläßt auch in der christliche Mythologie ihren Einfluß. Was immer Jesus sonst noch für Elemente aus den verschiedensten Mythologien der Zeit in sich kumulierte, dieses Erkenntnis seines Menschseins und der damit verbundenen Grenzen sind mit drin. Er ist der Menschensohn:

Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Markus 2,10 (und bibelkundige werden viel mehr Zitate finden)

Neben der Beschreibung Menschensohn haftet Jesu auch der berühmte lat. Spruch an: Ecce homo - in seiner Größe und Aussagekraft dem o.  g. griechischen Spruch gleichwertig. Das stellt noch die Göttlichkeit Jesu als eine Gestalt der christlichen Mythologie nicht in Frage. Mythische Gestalten vereinen viele verschiedene Elemente in sich, daher stammt auch ihre Komplexität. Jesus ist gleichzeitig das Horuskind der Göttinmutter, die Wiedergeburt Gottes, ein Element des Dreifaltigkeitsformels und auch der Mythras-Dyonisos, der aus seinem kosmischen Leib die Menschen ernähren kann: Sein Leib ist das Brot, sein Blut ist der Wein. Das kann er alles problemlos sein. Er ist aber in seiner Menschsein genau so unvollkommen, körperlich gezeichnet, wie Ödipus der Klumpfuss (da ihm ja  auch ein paar Nägel durch den Leib getrieben wurden, u. a. auch durch seine Füsse, genau wie dem Ödipus).

Wir Menschen sind durch diesen Sprüchen dazu aufgefordert, zuzugeben, dass wir Menschen sind, uns und unsere Grenzen zu erkennen. Wir werden nie die Sicherheit und die Gewissheit erlangen, das Göttliche in ihrem Ausmaß zu erkennen. Ja, wenn wir Götter wären, dann würde unser Aufforderungsspruch sein, uns in unserer Göttlichkeit zu erkennen. Aber wir sind Menschen. Wir zweifeln, wir glauben wir wissen nicht, wir sind AGNOSTIKER. Das ist unsere ewige Position in dieser kosmischen Gegenüberstellung zu  dem Göttlichen, dem Allwissenden.

Anders mit der Wissenschaft:

Die Wissenschaft maß sich nicht an, über Dinge Aussagen zu machen, die sie nicht beweisen kann. Und die Wissenschaft maßt sich nicht an, sich für unfehlbar und endgültig zu halten. Alles was die Wissenschaft verlangt, um neue Aussagen zu akzeptieren, sind die wissenschaftliche Beweise dazu. Die Bezeichnung Wissenschaft kommt vom Zeitwort wissen, während die Bezeichnung Glaube, vom Zeitwort glauben herrührt.

Die Wissenschaft bleibt nie statisch. Sie entwickelt sich immer weiter, erhebt für sich nie den Anspruch, dass seine Aussagen bei neuer Forschung nicht revidiert werden könnten. Wenn man das täte, wäre Forschung ganz überflüßig. Die Religion ist dagegen in ihrer reinsten Form statisch, sozusagen die statischste Variante des menschlichen Weltbildes. Die Religion erstellt das Weltbild und dann versucht, dieses Weltbild festzuhalten, als unveränderliches Dogma zu verteidigen. Dadurch hat die Religion auch eine gewisse Anker/Ruder-Funktion in der Entwicklung der Gesellschaft.  Aber der religiöse Mensch sollte in seinem Glauben nie vergessen, dass er auf diesem Gebiet nur glauben und nicht belegbar wissen kann. Wenn eines Tages die Menschheit das Glauben am Gott mit dem Wort Wissen austauschen darf, dann würden das alle mitbekommen, das garantiere ich euch. In allen Nachrichten würden wir lesen und hören, dass man den unwiderlegbaren wissenschaftlichen Beweis für die Existenz Gottes gefunden und von den Kritikern akzeptiert wurde. Es würde genau so viel Aussehen erregen, wie die Mondlandung oder Einsteins Relativitätstheorie oder ein Besuch von den Außerirdischen im Bundestag in Berlin.

Bis dahin aber empfinde ich immer, wenn die Naturwissenschaften sich auf ideologische Gebiete begeben und mit ideologischen Mitteln ungesichertes Wissen vertreten, oder wenn die Religionsvertreter von zu glaubenden Sachen als gesicherte Tatsachen sprechen, als eine Art wildern im Garten des anderen. Sie werden dabei anmaßend! Ich bekenne mich dazu, dass ich meine menschlichen Grenzen habe - das bedeutet für mich, dass ich eine Agnostikerin bin. Und ich finde ein wenig komisch, wenn Leute mich zu was anderen drängen wollen. Ich kann doch nicht angeben, Dinge sicher zu wissen, die ich nicht weiß - von der ich weiß, dass auch andere nicht sicher wissen, nur so tun, als ob.

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Ein Kommentar:

  1. Blog » Blog Archive » Glaube schrieb am 15. März 2009 um 07:52:

    [...] einen Text gefunden habe, der wohl vielen meiner Leserinnen und Leser aus dem Herzen spricht: http://www.kybeline.com/2009/03/14/warum-ich-bekennende-agnostikerin-bin/. Ich möchte damit einen freundschaftlichen und fröhlichen Kontrapunkt setzen - und im Frühjahr [...]

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