Religion, Wissenschaft, Atheismus und Kreationismus
Nachtrag zum Artikel:
Wenn ich hier und dort die weiterführende Diskussionen zu meinen Artikeln verfolge, sehe ich, wie manche Dinge missverstanden wurden.
Es gibt viele, die Kreationismus pauschal mit Christentum (oder evtl. mit Religion) gleichsetzen. Das stimmt so nicht. Kreationisten sind diejenige Hardcore-Gläubige, die die religiöse Interpretation in ihrer ursprünglichen Form wörtlich nehmen (z. B. die Genese der Bibel wörtlich).
Das müßte ein logisch denkender Mensch schon allein durch die Zahlenangaben erkennen. In diesem Artikel steht, dass in Westeuropa 69% der Evolutionstheorie den Vorzug geben. Andere Studien und Umfragen zeigen, dass rund eben so viele Menschen in Deutschland sich als Christen empfinden und den Weihnachten feiern wollen. Der Link zu der Studie über Weihnachten funktioniert nicht mehr, aber der Zitat zeigt über 90%.
Das bedeutet, dass eine breite Mittelschicht hier im Westen sich als Christ empfindet und als Christ handelt, aber nicht am Kreationismus glaubt.
Wie kommt das? Hier haben wir eine Diskrepanz, von der uns keinerlei Propagandagehetze berichten will. Es lohnt sich, diese Frage ein wenig zu vertiefen. Wenn man genau hinschaut, weder die Kirchen hetzen gegen die Wissenschaft, noch die Naturwissenschaften gegen die Kirche. Beispiele sind beliebig zu finden. (Einstein, Stephen Hawking, Tippler usw.)
Das jeweilige radikale Gehetze kommt aus den extrem fundamentalistischen Lagern, entweder von den militanten Atheisten (die ja auf dem marxistischen Materialismus u. ä. gedeihen) oder von den fundamentalistischen christlichen Sekten und Gruppierungen. Sicher gibt es auch einige Angehörige der großen Kirchen oder einige Naturwissenschaftler, die radikalisierte Ansichten vertreten und polemisches Gehetze betreiben. Aber die Polemik kommt immer von Seiten der Atheisten durch die Mitteln, mit denen man politische Ansichten, Ideologien verbreitet, nicht Wissenschaften: durch populäre Sachbücher (und nicht in wissenschaftlichen Sachberichten) in TV-Sendungen, in Zeitschriften, Vorträgen für Laien usw.
Schematisch würde ich sagen:
Geschossen wird nicht von der Kirche auf die Wissenschaft und andersrum. Diese vertragen sich recht gut mit einander und sehr viele Naturwissenschaftler sind/waren bekennende Christen oder zumindest Agnostiker. Geschossen wird aus den jeweiligen entgegengesetzten extremistischen ideologischen Lagern der militanten Atheisten und der militanten extremistischen religiösen Fundamentalisten.
Die Schlußfolgerung ist naheliegend: Aus ideologischen Gründen wollen diese extremistischen Lagern die Radikalisierung der Ansichten. Es wird etwas vorgegaukelt, dass inzwischen als ein conventional wisdom gilt, als eine belegte Tatsache: Dass die Kirche und die Wissenschaft sich bekämpfen und sich immer bekämpft haben. Dies steckt heute in den meisten Köpfen drin und dies hat nie gestimmt.
Die Kirchen waren nicht besser und nicht schlechter als ihre Zeit. Es ist eine Legende, dass in den früheren Zeiten die Wissenschaften sonst so fortschrittlich gewesen wären, wenn die bösen Kirchen sie nicht gehindert hätten. Es ist ein Propagandamärchen, das so klingt, als ob die Gesellschaft im Mittelalter vor der Wahl gestanden hätte: Kirche und Finsternis oder Wissenschaft und Aufklärung. Die Wissenschaft war noch nicht da, weder für die Wissenschaftler noch für die Kirche oder für die säkulare Herrscher. Sie tappten im Dunkeln und nur gemeinsam, Hand in Hand, durch die Art der abendländischen Gesellschaft die blödesten Dinge zu betreiben, aber das alles gründlich und systematisch, kamen sie Stück für Stück voran. Blödsinn trieben aber sowohl die Wissenschaftler wie auch die Kirchen damals, haufenweise. Und im Nachhinein ist leicht zu sagen, was klug war, was nicht. Die ganze astrologische Berechnungen der nahmhaften Wissenschaftler wie Kepler, Kopernikus und alle sonstigen Astronomen werden heute verschwiegen. Aber gerade solches Blödsinn brachte sie dazu, dass sie haufenweise Aufzeichnungen und Beobachtungen machten. Und das machten alle, wir trennen sie erst durch einen historisch-ideologischen Konsens heute, nachträglich in Wissenschaftler und Kirche. Aber sehr viele von ihnen waren und sind bis heute beides: Naturwissenschaftler und Christen. Naturwissenschaftler aus den verschiedenen katholischen Orden findet man gerade in der Geschichte der Biologie - die haben eben zu der Evolutionstheorie direkt oder indirekt mit beigetragen. In der evangelischen Kirche war die Struktur anders. Aber nicht alle Evolutionstheoretiker sind automatisch Atheisten, viele von ihnen sind Christen!
Möglicherweise kann man dasselbe auf einige andere Religionen beziehen, so z. B. auf den ostasiatischen Kulturen. Wenn es aber um den Islam geht, dann wird Vorsicht geboten: Die Zahlen im ersten Artikel zeigen, dass es dort keinen Spielraum für solchen religiös-wissenschaftlichen Allianzen gibt. Wenn 90% der ägyptischen Bevölkerung und über 80% der pakistanischen Bevölkerung an den Kreationismus glaubt dann ist das radikale Dummheit.
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[...] Ich habe in diesem Blog schon häufiger das Thema angetippt (s. Kategorie Schöpfung-Evolution). Kybeline hat zu dem Thema einen interessanten Artikel geschrieben: http://www.kybeline.com/2009/02/14/religion-wissenschaft-atheismus-und-kreationismus/#more-2781. [...]