Deutsch-türkische Friedensbeschwörungsformel
Frauen verstehen am meisten was von Beziehungen. So will ich jetzt von einer Beziehung erzählen, damit man versteht, worauf ich hinaus will. Ich hatte in einem Jahr meines Lebens, das ich im Nachhinein als ein vollkommen verschwendetes Jahr betrachte, eine Beziehung zu einem süchtigen Mann. Ich wußte nicht, dass er Probleme hat, sonst hätte ich die Beziehung gar nicht angefangen. Ihr kennt das: Taqia auf Privatebene. Er wollte, also hat er mir was vorgemacht.
Irgendwann drehte sich in der Beziehung alles nur noch um seine Sucht. Wenn wir zu einer Party eingeladen wurden, stellten sich für mich gar nicht mehr die sonst wichtigen, üblichen Fragen: Was ziehe ich an, wer wird da sein, o. ä. Die einzige Frage war nur noch: Wird er trinken oder wird er nicht? Wenn wir in Urlaub fuhren, war nicht mehr die Frage, ob es mir dort gefällt oder nicht, sondern nur: Was mache ich, während er trinkt? Ich konnte gar nicht mehr Frau sein, Freundin oder überhaupt ein normaler Mensch. Alles was ich für ihn war, war jemand, der ihn zur Rechenschaft zog, von dem er sich verstecken mußte. Und irgendwann mußte ich vor mir selber zugeben, dass ich eine normale Beziehung wollte. Ich sah um mich herum und sah die anderen. Sie lebten normal. Sie konnten ein Feier ungezwungen genießen. Man starte sie nicht ständig an, ob sie sich benehmen oder gehen lassen.
Das Ende war, dass ich mich von diesem Mann getrennt hatte und mir schwor, dass ich mich für so was nie mehr hergebe. Wenn jemand ein Problem hat, soll er sich behandeln lassen. Man soll mich nicht in eine Therapeutin-Rolle zwingen. Dazu hat man nicht das Recht.
Und genau dieselbe Struktur erkannte ich auf einmal hier, bezogen auf das Fußballspiel von gestern Abend. Wieso starren alle auf die Türken, ob sie randalieren werden oder nicht? Sogar die amerikanische Botschaft hatte diesbezüglich Warnungen ausgegeben. Alle, die sich irgendwie als soziale, fingerhebende Supermenschen empfanden, stoßen ihre Friedensbeschwörungsformel aus. Man fing in der letzte Zeit kaum noch eine öffentliche Rede an, ohne dieses friedliche Miteinander zu beschwören. Wieso hatte man das bei Portugal nicht tun müssen? Und wieso bin ich so sicher, dass dieses affige Moralfinger vor der Finale schlapp herunterhängen wird? Nur bei den Türken! Warum haben die Rußen und die Portugiesen überhaupt nicht randaliert? Sie hatten doch auch was zu feiern.
Das ist das kranke an dieser Beziehung mit unserer friedlichen Minderheit: Wir und alle Welt start ständig voller Furcht, ob sie sich diesmal benehmen werden oder sich wieder gehen lassen. Und es ist wie in einer türkischen Zwangsehe, denn wir haben diese Beziehung nicht gewollt und wir können uns trennen. Das war für mich in meinem Privatleben einfacher. Ich konnte meinen Rücken kehren. Und das machen die Menschen der deutsch-türksichen Miteinander genau so: Je dichter die beklopfte Friedensbeschwörungsformel, um so tiefer die Kluft zwischen Volk und Paralellwelt. Diese Beziehung ist einfach gescheitert.
Ja, das erinnert schon irgendwie an eine gestörte Beziehung. Da wurden zwei miteinander zwangsverheiratet, der eine Partner macht was er will und der andere Partner lebt in ständiger Besorgnis vor irgendwelchen Ausrastern oder Paranoia. “Du wolltest mich verbrennen!” “Du willst mich vergasen!” Komischerweise kann ich mich gar nicht erinnern, dass wir, Türkei und Deutschland, mal zwangsverheiratet wurden. Deutschland könnte also den paranoiden Partner einfach rausschmeissen.
Kann es eben nicht. Staatsbürgerschaft kann nicht aberkannt werden. Ein Anfang mag sein, dass neue “Zwangszuwanderer” aus dem islamischen Raum abgeblockt werden und vorhandene zur Migration gezwungen werden. Frage mich jetzt nicht wie, da mag es Tausende Möglichkeiten geben, die von denen abzuwägen sind, die uns diesen Schlamassel beschert haben.
Bei Staatsbürgern ist das klar, aber es gibt genug ohne und genügend mit Doppelloyalitäten.