Eine Diagnose unserer Gesellschaft

Keine Sorge, ich werde hier keine Diagnose stellen. Ich will lediglich eine Frage aufwerfen. Vor Jahren hatte ich einen Mann "mit Anhang" kennengelernt. Der Anhang war gerade mal 3 Jahre alt, rotzfrech und süß und ich hatte sofort eine enge Zuneigung zu ihm gewonnen.  Vielleicht war es Eifersucht von der Seite des Mannes, vielleicht was anderes. Aber er hat meine Gefühle sofort erfaßt und diagnostiziert: Die Hormone. Muttersyndrom. Das erwähne ich hier, weil diese Darstellung meiner Gefühle  mich damals schockierte. Ich dachte, ich hätte Sympathie und keine Syndrome. Später hörte ich öfters solche Diagnosen, bezogen auf einen oder anderen in meinem Umfeld. Bei Kinderwunsch sprechen die betroffene Frauen selber über die biologische Uhr. Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit  gibt es nur in den Heiratsinseraten. Ansonsten nennt sich Hormonpegel, Chemie, lange keinen guten Sex mehr gehabt, oder was ähnliches. Fleiß heißt heutzutage Arbeitsucht (wobei Sucht eindeutig in unsere Sparte gehört). Kritik an sozialen Mißständen heißt in einem weitbekannten Fall - jeder kennt das Wort - Islamophobie. Als ich heute den  neuesten PI-Artikel über den Kölner Pfarrer las, wußte ich sofort, dass es ein Syndrom dafür geben muß, mit dem ich dieses Geschehen ergründen kann. Ich brauchte nur Helfersyndrom in Google einzutippen.

Nun, meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern hatten auch menschliche Gefühle und Charaktereigenschaften, aber sie bezeichneten sie mit normalen Wörtern wie Liebe, Christliche Gefühle, Fleiß, Disziplin, Ehre, Kinderliebe, Nächstenliebe, Ansehen usw. Wir brauchen diese Worte gar nicht mehr. Solche alte schäbige  Worte wie Liebe könnten wir für die nächsten paar Generationen in den Duden für Archäologisme einmotten. Wir haben Worte wie Syndrome u. ä. Mit deren Hilfe können wir alles erklären. Aber erklären heißt ein wenig auch aufräumen, zerstören.

Und meine Frage, von der ich am Anfang schrieb lautet: wann sprechen wir von Gefühlen und Charaktereigenschaften, wann von Syndromen? Vielleicht hätte diese Gesellschaft auch weniger Probleme, wenn man die erstere Kategorie wieder vermehrt zulassen würde? Wenn wir uns von unseren Gefühlen nicht dadurch distanzieren würden, indem wir ihnen klinisch saubere Bezeichnungen verpassen, sondern ihnen ihre alte, menschliche Gesichter belassen würden? Bezeichnungen die in uns altbekannte Emotionen hervorrufen?

Ein Kommentar:

  1. HHborger schrieb am 2. Juni 2008 um 13:06:

    …wann sprechen wir von Gefühlen und Charaktereigenschaften, wann von Syndromen?

    „Gefühl“ wird eher im positiven Bereich benutzt und „Syndrom“ eher negativ z.B. als Krankheit oder wenigstens distanziert.

    Ich kann je nach Sichtweise eine Person als „hilfsbereit“=Gefühl oder als unter dem „Helfersyndrom“=krank bezeichnen.

    Da in unserer Gesellschaft positive Werte immer weniger werden, bzw. in „Verruf“ geraten, schwinden auch die „Gefühle“ und mehren sich die „Syndrome“.

    Nebenbei gibt es da wohl auch noch „wirtschaftliche“ Aspekte. So neigen besonders die Multikultis zum Syndrom-Syndrom. Sie finden alle möglichen Syndrome und bieten sich gleichzeitig als „Experten“ für deren Behandlung an, die natürlich aus öffentlichen Kassen bezahlt werden muss. Damit dieser Geldfluss dann nicht versiegt, nimmt die Syndrombelastung trotz ständiger Erfolgsmeldungen dieser „Experten“ immer weiter zu.

    Man sollte sich also als positiver Mensch nicht von diesen linken Rattenfängern vereinnahmen lassen und auf seine Gefühle bestehen.

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